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Freiheit gegen Bürgschaft: Die Öffnung der KGB‐Archive erlaubt erstmals Einblick in die Hintergründe der Inhaftierung des russischen Physik‐Nobelpreisträgers Lew Landau 1938/39
Author(s) -
Gorelik G.,
Rotter H.
Publication year - 1993
Publication title -
physikalische blätter
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1521-3722
pISSN - 0031-9279
DOI - 10.1002/phbl.19930490209
Subject(s) - humanities , physics , philosophy , art , political science
Anläßlich des 85. Geburtstages von Lew Landau (1908–1968) am 22. Januar und seines 25. Todestages am 1. April soll im folgenden von einem wenig bekannten Kapitel im Leben dieses herausragenden Physikers die Rede sein. Das Dunkel dieses Kapitels hat sich erst nach dem politischen Umbruch in der ehemaligen Sowjetunion durch unlängst entdeckte Dokumente aufgehellt. Hierdurch gewinnt das Bild des frühen Landau deutlichere Züge. — Die intensive Arbeit des Dreißigjährigen an einer Theorie der Suprafluidität von Quantenflüssigkeiten, für die ihr Schöpfer 1962 den Physik‐Nobelpreis empfangen sollte, erfuhr jäh eine lebensbedrohliche Zäsur: In der Nacht vom 27. zum 28. April 1938 wurde Landau in Moskau verhaftet und brachte ein volles Jahr im Untersuchungsgefängnis des NKWD (NKWD — Abkürzung für das damalige „Volkskommissariat für Inneres” (Innenministerium); wesensbestimmende Einrichtung war der Repressionsapparat des Staatssicherheitsdienstes, damals GPU (Politische Hauptverwaltung), zuletzt KGB (Komitee für Staatssicherheit) genannt.) zu, bis er dank des couragierten Einspruches von Pjotr Kapiza am 29. April 1939 gegen dessen Bürgschaft freigelassen wurde. Das Thema Haft war unter dem totalitären sowjetischen Regime ein weißer Fleck in Landaus Biographie. Dies spiegelt sich auch in den zumeist vor „Glasnost” entstandenen Beiträgen für den Band „Erinnerungen an L. D. Landau” [1] wider, der 1988 in Moskau erschien. Der Moskauer Wissenschaftshistoriker G. Gorelik hat 1991 Landaus Akte im Zentralen KGB‐Archiv einsehen können und wesentliche Teile daraus, versehen mit zeitgeschichtlichen Erläuterungen und ergänzt durch spätere Aussagen von Beteiligten, veröffentlicht [2]. In einem weiteren Artikel [3] desselben Autors wird die Bespitzelung Landaus bis kurz vor der Verhaftung dokumentarisch belegt. Auf der Grundlage dieser Artikel und einiger weiterer Quellen werden im folgenden jene Geschehnisse um Landau, die in seiner Verhaftung kulminierten, vor dem Hintergrund der damaligen Entwicklung in Sowjetrußland umrissen. 2 )