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Die geheimen Nuklearstädte Rußlands
Author(s) -
Felgengauer P.,
Rotter H.
Publication year - 1992
Publication title -
physikalische blätter
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1521-3722
pISSN - 0031-9279
DOI - 10.1002/phbl.19920481115
Subject(s) - humanities , philosophy , political science
Mitte des Jahres 1948 erhielt Igor Tamm den streng vertraulichen Auftrag, sich mit einer kleinen Gruppe von Theoretikern an der Entwicklung der sowjetischen Wasserstoffbombe zu beteiligen. Für die Gruppe ausgewählt wurde von seinem Doktorvater Tamm auch der frisch promovierte Andrej Sacharow. Alsbald waren Diskussionen mit Physikern eines Geheimobjektes, des geheimen Kernwaffenlabors fernab von Moskau, vonnöten. Nach anfänglichen Dienstreisen in das streng geheime „Wissenschaftliche Allunions‐Forschungsinstitut für Experimentelle Physik”, das sowjetische Pendant zum Los Alamos Laboratory, übersiedelte Sacharow schließlich im März 1950 dorthin und war bald als Leiter einer Theorieabteilung (neben der von Jakow Seldowitsch), später auch als Stellvertreter des wissenschaftlichen Institutsleiters Julij Chariton tätig — bis zu seiner Entlassung im Juli 1968, im Jahr des Prager Frühlings, als sein Essay „Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit” im Ausland erschien. In seinem Lebensbericht 1 ), geschrieben in der Verbannung (1980–1986) in Gorkij unter massiver Behinderung durch das KGB, nannte Sacharow ausdrücklich nicht den geheimen Ort des „Objektes”, weil er sich an die damals eingegangene Geheimhaltungsverpflichtung gebunden fühlte. Seitdem hat sich als Folge des politischen Umbruchs, verstärkt nach dem gescheiterten Moskauer Putschversuch im August 1991, die strenge Geheimhaltung von Einzelheiten der sowjetischen Kernwaffenproduktion merklich gelockert. In der russischen „Unabhängigen Zeitung” vom 30. Juni 1992 berichtete der Journalist Pawel Felgengauer nach Recherchen vor Ort über „Die Geheimstädte Rußlands”, deren Vergangenheit und gegenwärtige Situation sowie einige Probleme der Konversion. Das Folgende ist eine gekürzte, mit einigen zusätzlichen Details versehene Fassung.