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Wilhelm Ostwald – Von der Reversibilität zur Irreversibilität
Author(s) -
Niedersen Uwe,
Krug HansJürgen,
Pohlmann Ludwig
Publication year - 1992
Publication title -
chemie in unserer zeit
Language(s) - German
Resource type - Journals
SCImago Journal Rank - 0.217
H-Index - 24
eISSN - 1521-3781
pISSN - 0009-2851
DOI - 10.1002/ciuz.19920260609
Subject(s) - philosophy , humanities
Alle Ausgleiche „brauchen Zeit, und alle verlaufen um so langsamer, je weiter der Ausgleich bereits fortgeschritten ist. Hierdurch kommt es, daß die Welt mit Gebilden erfüllt ist, die vom Standpunkt der Gleichgewichtslehre sozusagen keine Existenzberechtigung haben, und daher ihre Existenz nur auf Zeit geniessen”. …„Wir werden bald sehen, daß die stationären Erscheinungen in bestimmtem Sinne die Formen des Lebens sind, und daß alle Organismen sich als Gebilde auffassen lassen, deren verhältnismässige Beständigkeit auf der Ausbildung stationärer, durch Selbstregulierung entstehender Zustände beruht”. Diese Zitate entstammen keinem modernen Lehrbuch der Thermodynamik irreversibler Prozesse und der Selbstorganisation, sondern sie sind 90 Jahre alt und wurden von Wilhelm Ostwald in seinen „Vorlesungen über Naturphilosophie” formuliert. Die auffallend große zeitliche Lücke zwischen den Ideen und Ansätzen Wilhelm Ostwalds und den heute anerkannten Paradigmen mag an Ostwalds Emeritierung und dem Ausbruch des ersten Weltkrieges gelegen haben, aber auch an innerwissenschaftlichen Gründen, wie etwa dem Mangel an mathematischen Methoden zur Beschreibung komplexer und nichtlinearer Systeme, die erst Jahrzehnte nach der Jahrhundertwende entwickelt wurden. Sich mit Ostwalds Arbeiten auf diesem Gebiet zu beschäftigen, ist heute sicher nicht allein von historischem Interesse, sondern vermag darüber hinaus Denkanstöße zu geben und das Verständnis aktueller Fragen für die dort Tätigen zu vertiefen.