Die Alzheimer-Krankheit oder wie das Paarleben durch Wissenschaft und Wirtschaft kompliziert wird
Author(s) -
Joseph Ghika
Publication year - 2018
Publication title -
swiss medical forum ‒ schweizerisches medizin-forum
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4020
pISSN - 1424-3784
DOI - 10.4414/smf.2018.03223
Subject(s) - political science , philosophy
Vor Kurzem haben die Neurowissenschaften mit der Einführung von biologischen und bildgebenden Biomarkern die Definition der Demenzen angepasst. Obgleich die Spezifität der Marker nicht absolut ist, haben diese einerseits zu einer Erweiterung des Begriffs der dementiellen Syndrome in Bezug auf das klinische Erscheinungsbild und andererseits zur Neudefinition des Erkrankungsbeginns geführt, sodass Gedächtnissprechstunden in Zukunft bereits bei jungen asymptomatischen Personen, wenn nicht sogar im Schulalter, stattfinden werden, wobei eine individuelle Behandlung zahlreicher Risikofaktoren erfolgt. Bei den Patienten, die uns aktuell konsultieren, ist die Erkrankung bereits zu weit fortgeschritten, selbst wenn die entsprechenden Symptome im Anfangsstadium rein subjektiv empfunden werden. Dieser Fakt an sich impliziert geradezu einen Misserfolg präventiver Therapien, denn in einer idealen Zukunft sollten Alzheimer-Patienten dieses Erkrankungsstadium überhaupt nicht mehr erreichen. Dr. Rouaud und Prof. Démonet vom Centre Leenards de la Mémoire des CHUV zeigen in ihrem Update [1] in dieser Ausgabe des Swiss Medical Forum einen extremen Weitblick in Bezug auf die Auswirkungen der aktuellen Änderungen auf die tägliche Praxis im Bereich Dementologie. Die enttäuschenden prokognitiven und derzeitigen krankheitsmodifizierenden Therapien, welche an der Ursache der Probleme ansetzen sollen, wurden respektive werden jedoch an eben jenen Patienten im Frühstadium der Erkrankung getestet, über welches diese, genau genommen, bereits hinaus sind. Die Behandlungen beruhen auf Versuchen an Tieren, die keine Hirnareale haben, welche bei Demenz degenerieren, sowie auf Zellen, deren Funktionsweise man noch lange nicht vollständig verstanden hat. Überdies besteht das Gehirn nicht ausschliesslich aus Nervenzellen, sondern aus einer dreigliedrigen Kombination von Nerven-, Gliazellen sowie Gefässen und verfügt über komplexe funktionelle Netzwerke, deren Prinzip man gerade erst zu verstehen beginnt. Dadurch entsteht eine Kluft zwischen dem durch die Medien noch befeuerten Optimismus der Wissenschaftler einerseits, welche anhand der theoretischen Grundlagen die Tragweite ihrer wissenschaftlichen Entdeckung übertreiben, um den Pharmaunternehmen die entsprechenden Patente verkaufen zu können, und der Enttäuschung der Ärzte über die tatsächliche Wirksamkeit der Medikamente andererseits, sodass ihnen als einzige Präventionsmassnahme bleibt, ihren Patienten körperliche Aktivität, Mittelmeerkost und die Ausübung einer gehirnstimulierenden und sozialen Tätigkeit zu verordnen. Leider sind auch die Neurowissenschaften, wie alle Wissenschaften, der Liberalismuswelle und dem Gedanken der globalisierten Wirtschaft gefolgt, welche infolge des Falls der Berliner Mauer entstanden sind. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden wie Aktien gehandelt, die entsprechend rentabel sein müssen. Wissenschaftler haben sich zu Meinungsführern entwickelt (aus wissenschaftlicher Sicht ein Unding!) und es wurden Naturgesetze missachtet, um diese durch Anforderungen von Zulassungsbehörden (der «Food and Drug Administation» [FDA] ...) zu ersetzen, die festlegen, unter welchen Bedingungen ein Medikament vermarktbar ist. Die Forschung in Bezug auf die Alzheimer-Krankheit stellt diesbezüglich leider keine Ausnahme dar und hat sich in dieselbe Richtung wie die anderen Bereiche entwickelt. Die grossen Pharmaunternehmen haben sich, geblendet durch nicht reproduzierbare Artikel in Fachzeitschriften mit hohem Impact-Faktor, von echter Wissenschaft abgewendet, um lediglich die von den Zulassungsbehörden aufgestellten Kriterien zu erfüllen und ihre Medikamente zu verkaufen. Aufgrund der kurzen Patentdauer und der hohen Haftungskosten für Nebenwirkungen sind die Preise für einen getesteten vielversprechenden Wirkstoff auf Milliardenhöhe gestiegen. Dies führt zu einem schwindelerregenden Anstieg der Medikamentenpreise und dem Zusammenbruch der Gesundheitssysteme. Wenn ein grosses Pharmaunternehmen, wie kürzlich von den Medien Joseph-André Ghika
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