Dermatologie und Venerologie: Hauterkrankungen bei Flüchtlingen
Author(s) -
Siegfried Borelli,
Stephan Lautenschlager
Publication year - 2015
Publication title -
swiss medical forum ‒ schweizerisches medizin-forum
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4020
pISSN - 1424-3784
DOI - 10.4414/smf.2015.02494
Subject(s) - medicine
Seit dem Sommer 2015 ist der anwachsende Flücht lingsstrom nach Westeuropa ein beherrschendes Thema in den Medien. Die Migrationsroute von der Türkei über den Balkan, Ungarn und Österreich wirkt sich auf die Schweiz bisher nur in geringem Umfang aus [1]. In der Schweiz treffen vor allem in Italien angelandete Bootsflüchtlinge ein. Dabei war eine Zunahme der Asylanträge um 10,3% im Vergleich zum Vorjahr be reits 2014 zu verzeichnen [2] – ein Trend, der sich 2015 fortgesetzt hat. Im zweiten Quartal des Jahres kam es zu einer überdurchschnittlichen Zunahme der Asyl anträge [1], bedingt durch das früher einsetzende warme Wetter und eine vermehrte Weiterwanderung von Eritreern aus Italien, die mit Somaliern und Asyl bewerbern aus Sri Lanka über die Hälfte aller Asylan träge in der Schweiz stellen. Neben den allgemeinen logistischen Herausforderun gen, die dadurch entstehen, besteht auch die Notwendig keit der medizinischen Versorgung der Asylbewerber. Diese stellen gemäss der WHO kein Risiko im Hinblick auf eine gesundheitliche Gefährdung der Bevölkerung ihres Ziellandes dar [3], bzw. wo eine solche zu befürch ten ist, werden entsprechende grenzsanitarische Vor kehrungen getroffen. In der Schweiz umfasst dies neben dem Screening auf Tuberkulose Informationen zum Gesundheitssystem der Schweiz, Impfungen und die Abgabe von Präservativen. Ob diese Massnahmen ausreichend sind bzw. ob unser Gesundheitssystem auch für einen noch grösseren Ansturm von Asylbewer bern gewappnet ist, darüber gehen zumindest Anfang Oktober 2015 die Ansichten des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) und der Konferenz der kantonalen Gesundheits direktoren auseinander [4]. In grenzsanita rischer Hinsicht scheint die Tuberkulose tatsächlich das Hauptproblem zu sein. So zeigte eine Untersuchung an 225 Bootsflüchtlingen in Malta (zu >80% aus Somalia) bei 45% einen positiven Tuberkulintest im Vergleich zu einem positiven HBsAgNachweis bei 13,7% und einer positiven SyphilisSerologie bei 4,8% der Untersuchten [5]. Die gesundheitlichen Probleme der Flüchtlinge sind jedoch umfassender. Neben ihrer psychischen Trauma tisierung ist zu berücksichtigen, dass in Eritrea und Somalia schätzungsweise >90% der Frauen von genita ler Mutilation betroffen sind [6]. Je nach Herkunftsland und Reiseroute können weitere Erkrankungen mitge bracht werden. Die Umstände der Reise begünstigen Infektionen, wobei aus dermatologischer Sicht Pyoder mien und parasitäre Erkrankungen und hier in erster Linie die Skabies hervorzuheben sind [7]. Die Skabies ist dabei nicht immer eine banale Erkrankung, sondern kann zu postinfektiösen Komplikationen wie einer PostStreptokokkenGlomerulonephritis führen [8]. Die Therapie der Skabies bei Asylsuchenden ist aufgrund der Sprachbarriere und der engen Wohnverhältnisse erschwert. Die notwendigen Präparate müssen in der Schweiz zudem immer noch ohne SwissmedicZulassung verordnet werden. Des Weiteren besteht bei Asylbewerbern oft kein aus reichender Impfschutz. Zu nennen sind hier vor allem Varizellen, die aufgrund der hohen Seronegativitäts rate gerade bei Asylsuchenden vom Horn von Afrika [9] zur Infektion und aufgrund der gemeinsamen Unter bringung zu Epidemien in Asylzentren führen können [10, 11]. Die Massnahmen zur Verhütung und Bekämp fung eines Varizellenausbruchs umfassen Isolation der Patienten, antivirale Therapie und Transferstopp mit anderen Asyleinrichtungen [10]. Schliesslich stellt sich auch die Frage nach einer Massenimpfaktion, die effizi ent, aber auch mit höheren Kosten verbunden ist [12]. Darüber hinaus wies das Robert Koch-Institut in Berlin im September 2015 darauf hin, dass vereinzelt weitere in Westeuropa ungewöhnliche Erkrankungen beobach tet wurden bzw. erwartet werden müssen [13]. Neben dem Kardinalsymptom Fieber werden bei den klini schen Hinweisen notabene Hautmanifestationen an zweiter Stelle aufgeführt. Dabei wird auf Läuserückfall fieber (Kratzspuren, Petechien), Fleckfieber (Kratzspu ren, stammbetontes Exanthem), Typhus (selten Roseo len), KrimKongoFieber (Petechien) und Leptospirose (Ikterus, konjunktivale Injektion) hingewiesen. Ohne Hauterscheinungen manifestieren sich Malaria, Amö benabszess, viszerale Leishmaniose und Lassafieber. Wenn manche der kutanen Symptome auch wenig spe zifisch erscheinen mögen, kann die Dermatologie hier doch Hilfestellung bei der Diagnostik bieten. Dass diese Beobachtungen auch der Schweizer Realität entsprechen, konnten wir im Dermatologischen Ambu latorium des Stadtspitals Triemli im Jahr 2015 aufgrund der Organisation der medizinischen Betreuung der Asylbewerber in Zürich beobachten. Für die medizini sche Versorgung des Bundesasylzentrums in Zürich ist einerseits medizinisches Personal vor Ort zuständig, andererseits wird die allgemeinärztliche Betreuung Siegfried Borelli
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