Tuberkulose in der Schweiz: Wo liegt das Problem?
Author(s) -
Jean-Pierre Zellweger
Publication year - 2015
Publication title -
swiss medical forum ‒ schweizerisches medizin-forum
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4020
pISSN - 1424-3784
DOI - 10.4414/smf.2015.02424
Subject(s) - humanities , philosophy , art
Heutzutage stellt die Tuberkulose weder in der Schweiz noch in irgendeinem anderen Land Westeuropas ein Problem der öffentlichen Gesundheit dar. Die Inzidenzrate (Anzahl gemeldeter Fälle pro Jahr pro 100 000 Einwohner) sinkt recht kontinuierlich. Die Dia gnostik beruht auf landesweit verfügbaren Labortests, und die Therapie ist gut standardisiert und effizient, so dass die Heilung Erkrankter so gut wie sicher ist. Der Zauberberg und die Fanfare von Leysin* sind glücklicherweise Vergangenheit. Und dennoch sind mit der Tuberkulose immer noch mehrere praktische Probleme verbunden, wie die in dieser Nummer veröffentlichten Artikel von Altpeter und Schmiedel treffend vor Augen führen: Das erste Problem liegt darin, dass infolge seltener Krankheitsfälle die Erfahrung der Primärversorger, die in erster Linie an die Durchführung von Tests zur Diagnosefindung denken müssen, immer begrenzter wird. Das führt dazu, dass in Ländern mit niedriger Tuberkuloseinzidenz die Diagnose oft erst spät und in einem fortgeschrittenen Krankheitsstadium gestellt wird, wie eine in einem US-Bundesstaat durchgeführte Studie zeigt [1]. In der Schweiz, wie in anderen europäischen Ländern, beträgt die mittlere Dauer zwischen Krankheitsbeginn und Diagnose mehr als zwei Monate [2], wobei die grösste Verzögerung dem Gesundheitssystem und nicht dem Patienten zuzuschreiben ist [3, 4]. Die Folge ist, dass Erkrankte in der Schweiz aufgrund verspäteter Dia gnose immer noch versterben; ihre Tuberkulose wäre bei rechtzeitigem Erkennen heilbar gewesen [5]. Das zweite Problem resultiert aus den Schwierigkeiten beim Erkennen der klinischen Präsentation der Erkrankung, bei der Interpretation des Krankheitsverlaufs und praktischen Anwendung der Diagnoseverfahren. Die Diagnostik ist bei der Tuberkulose häufig der schwierigste Schritt. Zu viele Ärzte vergessen, dass die Tuberkulosediagnose nach wie vor auf der bakteriologischen Untersuchung (einschliesslich der neuen Genomnachweistests) des Sputums eines Patienten mit auffälligem Röntgenthorax beruht und nicht auf einem Serumtest. Vor dem Hintergrund einer fortschreitenden Krankheit schliesst ein negatives erstes Laborergebnis zudem in keiner Weise eine bereits vorhandene, langsam progressive Erkrankung aus, die erst bei einem späteren Test nachweisbar sein wird [6]. Auffällig ist die geringe Auskunftsbereitschaft eines Teils der Behandler bei der Übermittlung der epidemiologischen Daten an die Gesundheitsbehörden nach gestellter Diagnose: Häufiger, als man meinen könnte, sind für die Therapiewahl und Betreuung wichtige Informationen wie Herkunft des Patienten, bereits durchgeführte Therapien oder schlicht der Name des behandelnden Arztes nicht auf dem Meldeformular angegeben. Das für die Organisation der Umgebungsuntersuchungen immens wichtige Ergebnis der bak teriologischen Tests ist oft unbekannt oder wird erst verspätet weitergeleitet. Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, Patienten einer lückenlosen standardisierten Behandlung zu unterziehen. Die Tuberkulosetherapie ist langwierig, beschwerlich und häufig von Nebenwirkungen begleitet.
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