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Zum Glück brauchen wir das Gehirn!
Author(s) -
Jürg Kesselring
Publication year - 2013
Publication title -
swiss medical forum ‒ schweizerisches medizin-forum
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4020
pISSN - 1424-3784
DOI - 10.4414/smf.2013.01444
Subject(s) - psychology , philosophy
Ohne Aktivität gibt es kein Glück, wir müssen etwas tun. Dazu brauchen wir das Gehirn. Glück lässt sich auch nicht einfach konsumieren, es wird nicht (nur) von aus sen bestimmt. Als Beispiel hierfür sollen zwei Persön lichkeiten dienen, die etwa zur selben Zeit gelebt haben. Zunächst Sissi, die Kaiserin von Österreich und Königin von Ungarn. Wahrscheinlich die reichste Frau, die je ge lebt hat und sicher eine der schönsten Frauen ihrer Zeit. Ihre selbst verfassten Gedichte handeln indes fast nur von ihrem Unglück. «Ich bin erwacht in einem Kerker, und Fesseln sind an meiner Hand. Und meine Sehnsucht immer stärker. Und Freiheit! Du mir abgewandt!» Oder: «Seufzend von dem müden Haupte nehm’ die Krone ich herab, wie viel gute Stunden raubte heut der Ceremonienstab!» Zur gleichen Zeit reiste der englische Missionar Allen Gardiner an die Spitze von Südamerika. Er und seine Ge fährten wollten in unwirtlichen Gegenden das Christen tum verkünden. Unmittelbar nach Verlassen des Schiffs, das sie hingebracht und nach sechs Monaten wieder abholen sollte, realisierten die Missionare, dass sie das Schiesspulver auf dem Schiff vergessen hatten. Zu den Einheimischen, die sie missionieren wollten, fanden sie keinen Kontakt. So versuchten sie einfach nur zu über leben. Ohne Schiesspulver konnten sie sich kaum er nähren. Dennoch findet man in ihren Tagebüchern nur Ausdruck ihres Glücks. «Arm und schwach, wie wir sind, unser Schiff ist ein Bethel für unsere Seelen und wir spüren, dass der Herr bei uns ist, ob im Schlaf oder wach ... ich bin über die Möglichkeit, mich auszudrücken, einfach glücklich.» Am Ende hatten sie nichts mehr, verhungerten und waren trotzdem immer glücklich ge wesen! Der letzte Eintrag ins Tagebuch vom 6. Septem ber 1851 lautet: «Durch die Gnade war diese gesegnete Gruppe imstande, Lob und Preis für die Ewigkeit zu singen. Ich bin weder hungrig noch durstig, obwohl ich fünf Tage nichts zu mir genommen habe. Wundervolle Gnade und Liebe für mich, einen Sünder ...» Zwei Persönlichkeiten, zwei Grundhaltungen: Sissi, die nach unseren Vorstellungen hätte glücklich sein können, und Allen Gardiner, der eigentlich hätte unglücklich sein sollen. Sie beschreiben ihren Zustand genau um gekehrt, und es wäre anmassend von uns zu behaupten, ihre Aussagen seien nicht wahr.

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