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Werden wir alle an Alzheimer erkranken?
Author(s) -
Gérard Waeber
Publication year - 2012
Publication title -
swiss medical forum ‒ schweizerisches medizin-forum
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4020
pISSN - 1424-3784
DOI - 10.4414/smf.2012.01330
Subject(s) - geology
Weltweit leiden derzeit rund 36 Millionen Personen an Morbus Alzheimer, und man schätzt, dass etwa 25% derjenigen, die das 90. Altersjahr erreichen, an diesem schrecklichen Leiden erkranken. Sämtliche Behandlungs ansätze, mit denen man den Verfall der kognitiven und funktionellen Funktionen zu verhindern oder hintan zuhalten versuchte, haben bisher versagt. Mehrere neue Studien mit gegen die bAmyloidPlaques gerichteten Antikörpern, die das Immunsystem stimu lieren und die Plaques zum Verschwinden bringen sollen, haben in medizinischen Fachkreisen grosse Hoffnungen geweckt. Kürzlich haben nun leider drei pharmazeuti sche Firmen (Johnson & Johnson, Pfizer und Eli Lilly) mit geteilt, dass diese Immuntherapie (Bapineuzumab, Sola nezumab) im Vergleich zu Plazebo keinen Einfluss auf den Verlauf der AlzheimerKrankheit hat [1]. Einige Ex perten meinen, dass diese Behandlungsstrategie zu spät im Krankheitsverlauf ansetzt. Sollte man mit dieser Behandlung sehr früh beginnen, so wie man es mit lipid senkenden Medikamenten zur Verhütung der Athero sklerose macht? Man weiss es nicht, und die therapeuti schen Misserfolge sind für Patienten und Angehörige wie auch die medizinischen Fachkreise eine grosse Enttäu schung. Nun zeigt sich aber dank einer neuen, bemerkenswerten wissenschaftlichen Beobachtung wieder ein Hoffnungs schimmer bei der AlzheimerKrankheit. In einem im August 2012 in Nature erschienenen Beitrag beschrieben T. Jonsson et al. eine Mutation im für das Vorläufer protein von bAmyloid (APP) kodierenden Gen, die mit einer sehr deutlichen Verminderung des Risikos für M. Alzheimer und andere kognitiven Störungen assoziiert ist [2]. Dieses APPProtein (bAmyloidVorläuferprotein) ist in der Wissenschaft bereits seit 25 Jahren bekannt. Es wird in kleinere Moleküle (Amyloidbeta) gespalten, die im Hirn abgelagert werden und die für Patienten mit Alzheimer typischen Plaques bilden. Bisher blieb unklar, ob diese Plaques Ursache oder Folge der Krank heit sind. T. Jonsson hat das gesamte Genom von 1795 Isländern untersucht und nach seltenen Varianten des für APP kodierenden Gens gesucht. Er identifizierte ein seltenes Allel, das zur Substitution eines Alanins durch ein Threo nin (A673T) führt, was funktionell zu einer Verminde rung der Kapazität zur APPSpaltung in kleinere Mole küle führt. Diese Mutation blockiert somit die Wirkung eines Enzyms (bSekretase 1 oder BACE1) und verhin dert so die Ansammlung dieser verheerenden bAmyloid Moleküle. Die Mutation liegt bei Isländern in nahezu 0,5% vor. In der finnischen, schwedischen und norwegischen Bevölkerung findet man sie bei etwa 0,2 bis 0,5%. Es handelt sich so mit um ein seltenes Allel. Wer jedoch das Glück hat, Träger dieser Mutation zu sein, hat verglichen mit Men schen ohne dieses Allel eine fünfmal höhere Chance, mit 85 Jahren frei von Alzheimer zu sein, eine fünfmal hö here Chance, länger als der Durchschnitt zu leben, und eine 7,5mal höhere Wahrscheinlichkeit, das 85. Alters jahr ohne kognitive Störung zu erleben. Diese Beobach tung wurde in der Folge bei mehr als 400 000 Skandi naviern validiert. Kurz: Es handelt sich hier um eine spektakuläre Beob achtung. Zum ersten Mal wird eine seltene Mutation identifiziert, die ein Individuum vor AlzheimerKrank heit oder anderen kognitiven Störungen schützt. Diese Entdeckung ist wissenschaftlich wichtig, denn sie be stätigt die wichtige pathogenetische Rolle des APP bei der Entstehung des M. Alzheimer und identifiziert einen wichtigen therapeutischen Ansatzpunkt, nämlich die Blockierung der APPSpaltung zur Verhütung der Alz heimerKrankheit. Aufgrund dieser genetischen Beob achtung dürften Strategien zur Hemmung der bSekretase (BACE1) bedeutsam werden. Allerdings ist festzustellen, dass verschiedene pharmazeutische Forschungsteams schon seit über 10 Jahren dieses Enzym mittels verschie dener pharmakologischer Ansätze zu blockieren versu chen, aber niemand weiss, wann man am besten mit dieser Therapie beginnen soll und wie gut die aktiven Moleküle zum Wirkungsort im Zentralnervensystem ge langen. Leider sind für diesen pharmakologischen Ansatz ausserordentlich schwierige und langwierige Interven tionsstudien nötig. Ab 2013 sollen drei grössere Studien (Alzheimer’s Prevention Initiative, Dominantly Inherited Alzheimer Network und Anti-amyloid treatment in asymptomatic Alzheimer’s disease) initiiert werden. Sie sollen drei bis fünf Jahre dauern, und jede von ihnen wird die enorme Summe von 100 Mio. Dollar verschlingen! Natür lich warten wir alle gespannt auf die Resultate dieser Studien. Bis dahin wünsche ich Ihnen von Herzen, dass auch Sie zu den fünf Glücklichen unter 1000 gehören, die das vor der AlzheimerKrankheit schützende Gen tragen!

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