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Balintarbeit und Wissenschaft
Author(s) -
Heinrich Egli
Publication year - 2012
Publication title -
swiss medical forum ‒ schweizerisches medizin-forum
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4020
pISSN - 1424-3784
DOI - 10.4414/smf.2012.01103
Subject(s) - philosophy
In dieser Zeitschrift die Balintarbeit vorstellen zu dür fen, ist eine Herausforderung. Ich bin als Leser immer wieder beeindruckt gewesen durch die hohen wissen schaftlichen Standards der Editorials und Artikel. Und es ist unbestritten, wie wichtig die naturwissenschaft liche Seite des Arztberufes ist. Wissenschaftliche Unter suchungen zeigen aber auch, dass auf Gemeinschafts ebene andere Faktoren als die wissenschaftlich gesicherte Wirkung einer Behandlung einen riesigen Einfluss auf den Erfolg von Behandlungen haben. Abbildung 1 x zeigt die Effizienz für verbesserte Le bensqualität von Hüftgelenksersatz in Kanada, die dann aber auf Gemeinschaftsebene nur eine sehr viel geringere Effektivität hat. Untersuchungen aus Afrika zeigen wie in einem Vergrösserungsglas Faktoren, wel che die Effektivität effizienter Behandlungen vermin dern [1]. In Afrika ist u.a. die Konsultation von tradi tionellen Heilern1 ein Grund, dass wirksame westliche Behandlungen nicht in Anspruch genommen oder die Behandlungen abgebrochen werden. In einer Unter suchung konnte gezeigt werden, dass sich die Patienten der traditionellen Heiler und die Patienten der west lichen Gesundheitseinrichtungen soziodemographisch kaum unterscheiden. Die beiden Gruppen leben in ähn licher Distanz zur nächsten westlichen Gesundheits einrichtung und suchten häufig nicht die nächste Mög lichkeit auf. Die Patienten der traditionellen Heiler reisten im Durchschnitt mehr als doppelt so weit und zahlten mehr als 13mal mehr für die Behandlung als die Pa tienten der westlichen Gesundheitseinrichtungen. Interessant ist deshalb der Unterschied der Kommuni kationsstile von traditionellen Heilern und westlich aus gebildeten Krankenschwestern: Traditionelle Heiler waren in verschiedenen Beziehungen signifikant stär ker patientenzentriert. Sie sprachen häufiger psycho soziale Themen und Aspekte des täglichen Lebens an, fragten mehr nach der Ansicht der Patienten und dis kutierten häufig ihr Krankheitskonzept, sie suchten also gewissermassen eine gemeinsame Grundlage mit den Patienten, die dann auch eher Fragen stellten [2]. In einer anderen Studie [3] wurde die Interaktion zwi schen den westlich ausgebildeten Betreuern (Ärzten und Krankenschwestern) und ihren Patienten unter sucht: Die Betreuer stellten vor allem geschlossene Fra gen, gaben Ratschläge, Instruktion und Informationen, und die Patienten gaben vor allem Antworten auf die Fragen, und die Betreuer zeigten signifikant mehr Missbilligung bei den Patienten, die ein eigenes Krank heitskonzept erwähnten. Es scheint also, dass die westlich ausgebildeten Be treuer linear denken, die Patienten wie eine Maschine auffassen wollen, von der man nur Zustandsvariablen ablesen und dann das weitere Funktionieren program mieren müsste. Das kann ein Schutz der Betreuer sein, die sonst vom häufig riesigen Elend der Patienten er fahren würden. Dieses lineare Denken ist aber auch in der westlichen Medizin tief verwurzelt, mit unbestreit bar grossen Erfolgen in der Suche nach UrsacheWir kungsKetten. Im Umgang mit ganzen Lebewesen ist dieses lineare Denken aber nicht adäquat. Und lineares Denken ist nicht die einzige Art, wissenschaftlich zu denken. Es ist interessant, dass schon Kant Lebewesen in ganz ähnlicher Art charakterisiert hat wie moderne Autoren [4], «als organisiertes und sich selbst organisierendes Wesen», mit einem «Naturzweck» [5], einer nicht von aussen geplanten, sondern aus sich selbst entspringenden Zweckhaftigkeit, Zielgerichtetheit. Kant war der Ansicht, dass wir diese organische Natur nicht wissenschaftlich erklären könnten, weil Selbstorgani sation und auf ein Ziel gerichtete Ursachen mit der Naturwissenschaft seiner Zeit nicht vereinbar waren. Heutige wissenschaftliche Zugänge sind nicht mehr nur mechanistisch, linear. Es gibt jetzt Konzepte von Selbst organisation, wie genetische und enzymatische Sys teme in der Zelle sich reziprok gegenseitig produzieren, und es gibt die mathematischen Konzepte, Selbstorga nisation in nonlinearen dynamischen Systemen zu Quintessenz

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