Führt eine geordnete Lebensweise zu einer höheren Lebenserwartung?
Author(s) -
F Höpflinger
Publication year - 2011
Publication title -
swiss medical forum ‒ schweizerisches medizin-forum
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4020
pISSN - 1424-3784
DOI - 10.4414/smf.2011.07599
Subject(s) - humanities , art
Soziale und geschlechtsbezogene Unterschiede in der Lebenserwartung haben immer wieder zu zwei Frage stellungen geführt: Inwiefern haben Unterschiede in der Lebenserwartung von Frauen und Männern biologische Ursachen, und welche Unterschiede sind sozial und kulturell bedingt? Oder handlungsorientiert formuliert: Ist es überhaupt möglich, die Übersterblichkeit von Männern gänzlich aufzuheben, oder basieren geschlechtsspezifische Unter schiede der Lebenserwartung auch auf nicht änder baren (evolutions)biologischen Grundlagen? In welchem Masse führt eine geordnete Lebensweise zu einer höheren Lebenserwartung? Oder praxisorientiert gedacht: Inwiefern verhindert eine gesundheitsbewusste, gemässigte Lebensführung ein vorzeitiges Sterben und inwiefern trägt eine gute soziale Versorgung und medi zinische Betreuung zur Erhöhung der Lebensspanne von Menschen bei? Für beide Fragestellungen besteht eine längere For schungstradition, die Lebenserwartung von Nonnen und Mönchen bzw. Ordensfrauen und Ordensmännern im wechselseitigen Vergleich und im Vergleich zur all gemeinen Wohnbevölkerung zu analysieren: Erstens leben Nonnen und Mönche im Allgemeinen in geordneten Lebensgemeinschaften, die eine gemässigte Lebensführung fördern. Hinzu kommt, dass diverse Ge fährdungen des alltäglichen Lebens (Verkehrsmortali tät, Suizide u.a.) in klösterlichen Gemeinschaften redu ziert sind (Suizide auch deshalb, weil sie in traditionell katholischen Regionen weniger auftreten als in protes tantischen Regionen). Deshalb sollten Nonnen und Mönche – so die Annahme – länger leben als Menschen ausserhalb dieser als wohlgeordnet definierten Lebens räume. Zweitens – so die Annahme – leben in Ordens und Klostergemeinschaften Frauen und Männer unter rela tiv ähnlichen sozioökonomischen und soziomedizini schen Lebensbedingungen. Entsprechend sollte die Le benserwartung beider Geschlechter weniger stark aus einanderfallen als in der Allgemeinbevölkerung, was erlaubt, biologisch bedingte Unterschiede der Lebens erwartung einzugrenzen. Auch die Klosterstudie von Marc Luy bewegt sich in dieser Forschungstradition, allerdings mit dem enor men Vorteil, dass sich die Daten auf einen langen Zeit raum beziehen. Damit wird etwa die naive Vorstellung, dass Nonnen immer länger gelebt haben als andere Frauen, klar widerlegt: Bis Mitte des 20. Jahrhunderts lag die Lebenserwartung der Ordensfrauen unter dem Durchschnitt, etwa aufgrund hoher Inzidenz von Infek tionskrankheiten – wie Tuberkulose – in engen Lebens gemeinschaften, aber auch weil Ordensfrauen häufig in der Krankenpflege tätig waren. Oder allgemein be trachtet: Die Vorteile einer geordneten Wohn und Le bensgemeinschaft zeigen sich erst in Gesellschaften, welche Infektionskrankheiten zurückgedrängt haben. Erst eine epidemiologische Transformation von Infek tions zu «Zivilisationskrankheiten» erhöht die Lebens erwartung bei geordneten Wohn und Lebensverhält nissen. Eine Beeinflussung der Lebenserwartung durch «gesundes Verhalten» (gemässigt essen, viel Bewegung, gute soziale Kontakte) setzt eine entwickelte soziomedi zinische Versorgung voraus. Heute liegt die Lebenserwartung der Ordensfrauen und die der übrigen Frauen nahe beieinander. Allgemein bevölkerung und Ordensbevölkerung weisen jedoch bei den Männern grosse Differenzen auf. Damit wird die These unterstützt, dass primär Männer von guten so zialen Ordnungsstrukturen profitieren (was durch die Beobachtung gestützt wird, dass vor allem die Lebens erwartung von Männern durch eine gute Partnerbezie hung erhöht wird). Die Unterschiede in der Lebenserwartung von Ordens frauen und Ordensmännern unterliegen ebenfalls his torischen Wandlungen, und sie haben sich in den letz ten Jahrzehnten deutlich ausgeweitet. Offen bleibt – wie auch von Marc Luy in seinem Beitrag «Ursachen der Geschlechterdifferenz in der Lebenserwartung» in die ser Nummer des Swiss Medical Forum angesprochen –, inwiefern Ordensfrauen und Ordensmänner tatsächlich ein geschlechtsunspezifisches Verhalten aufweisen. Ge schlechtsspezifische Unterschiede im Alkoholkonsum und im Rauchverhalten sind auch in Klöstern möglich. Die Folgerung von Marc Luy, dass nur etwa eineinhalb Jahre der festgestellten geschlechtsspezifischen Unter schiede auf biologische Faktoren zurückzuführen sein dürften, liegt im Rahmen dessen, was auch frühere Analysen vermuteten. Je moderner und weltoffener Klöster werden, desto we niger eignen sie sich dafür, den Effekt von Ordnungs strukturen auf die Lebenserwartung von Frauen und Männern auseinander zu halten (und je moderner das Klosterleben wird, desto mehr dringen auch geschlechts spezifische Verhaltensunterschiede durch).
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