Betreuung der Betreuer
Author(s) -
R Zollinger
Publication year - 2011
Publication title -
swiss medical forum ‒ schweizerisches medizin-forum
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4020
pISSN - 1424-3784
DOI - 10.4414/smf.2011.07573
Subject(s) - medicine
Bei einem Jugendlichen wurde im Alter von 15 Jahren ein bösartiger Hirntumor festgestellt und mittels Opera tion und Radiotherapie behandelt. Wenige Monate danach entwickelte der Patient eine organische Psy chose und musste psychiatrisch hospitalisiert werden. Später wurde er als Tagesschüler einem Schulheim für körperlich behinderte Kinder zugewiesen. Er zeigte dort grosse Verlangsamung, neuropsychologische Ein schränkungen, eine Visusverminderung, wechselnde Verstimmungen sowie rasche Ermüdbarkeit und stellte für das Schulteam eine grosse Herausforderung dar [1]. In periodisch durchgeführten Besprechungen im inter disziplinär zusammengesetzten Betreuungsteam des Schulheims, zu dem auch ein Konsiliarpsychiater ge hörte, kam zur Sprache, wie schwierig es für die Be treuenden war, dass sie kaum einen interaktionellen Zugang zu dem Jungen herstellen konnten. Sie hatten das ungute Gefühl, nicht zu wissen, woran sie mit ihm waren, und deshalb nicht genug für ihn tun zu können. Sie schlugen verschiedene Zusatztherapien vor. Zusam men mit dem Konsiliarpsychiater wurde die Einsicht erarbeitet, dass weder ein Zuwenig an Betreuung noch ein Zuwenig an Therapie für die Beeinträchtigung des Jungen ausschlaggebend war, sondern der Defektzu stand nach der Behandlung seiner schweren Krank heit. Der Unterschied zwischen kurativer und pallia tiver Betreuung wurde thematisiert. Die Betreuenden mussten Abschied nehmen von einem hohen Rehabili tationsziel und sich mit der eigenen Macht und Rat losigkeit auseinandersetzen. Die Erkenntnis, dass ja ei gentlich niemand an der Behinderung des Jugendlichen Schuld sei und die Betreuenden das ihnen Mögliche für ihn tun, bewirkte eine gewisse Entlastung im Betreu ungsteam. Im gleichen Schulheim wurde ein 8jähriges Mädchen betreut. Dieses litt an einem malignen Hirntumor und war parallel zur Schulung seit längerer Zeit in onkolo gischer Behandlung. In der Besprechung mit dem Be treuerteam des Schulheims wurde berichtet, wie schwierig es angesichts der infausten Prognose war, ei nen guten Mittelweg zwischen Resignation und Aktivis mus bei der Betreuung des Mädchens zu finden. Zudem war für die Betreuenden die Sinnfrage belastend. Diese bezog sich nicht nur auf die Betreuung an sich, sondern war auch verknüpft mit der Frage, ob das Kind über haupt ein erfülltes Leben haben könne, wenn es so jung sterben müsse. Zusammen mit dem Konsiliarpsych iater erarbeitete das Betreuungsteam, dass keineswegs feststehe, dass ein kurzes Leben sowieso weniger er füllt sei als ein langes. Diese Sichtweise wirkte entlas tend. Dass die schwierige Situation nicht sinnlos er schien, half dem Betreuungsteam bei der Bewältigung der Alltagsarbeit und – in diesem Fall – auch beim Ab schiednehmen.
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