Ein Atom Vernunft
Author(s) -
S Borner
Publication year - 2011
Publication title -
swiss medical forum ‒ schweizerisches medizin-forum
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4020
pISSN - 1424-3784
DOI - 10.4414/smf.2011.07570
Subject(s) - atom (system on chip) , philosophy , computer science , embedded system
Es ist schlimm genug, dass man auf CNN und BBC zurückgreifen musste, um eine einigermassen ausgewogene Berichterstattung über die Atomkatastrophe in Japan zu erhalten. Bei der SRG hatte ich zeitweise den Eindruck, man könnte es kaum erwarten, bis der Super-Gau nun endlich doch noch kommt oder bis die Japaner jetzt bitte endlich die Kernenergie ein für allemal demonstrativ verdammen. Diese Emotionalität und Einseitigkeit war leider zu erwarten, ebenso wie das Umfrageergebnis der «Sonntagszeitung», dass etwa 3⁄4 der Schweizer aus dieser teuflischen Stromerzeugungstechnik aussteigen möchten. Denn Angst und Schrecken waren auch ohne mediale Panikmache auf einem einsamen Höhepunkt angelangt. Schlimmer war für mich das Verhalten unserer Politiker. Dass die eingefleischten Kernenergie-Gegner diese «Chance» nutzen würden, war natürlich vorauszusehen. Frau Merkel liess daraufhin gleich 7 ältere Werke vom Netz nehmen – ohne irgendwelche Analysen der spezifischen Risikofaktoren. Die Risikofaktoren der bevorstehenden Wahlen waren für sie Grund genug. Da mochten unsere christlichen und freisinnigen Bürgerlichen nicht mehr zurückstehen. Frau Leuthard, die aus einer für ihre «Flexibilität» bekannten Partei stammt, stoppte kurzerhand das ganze rechtlich und technisch ausgeklügelte Überprüfungsverfahren. Und die Freisinnigen kippten in noch viel radikalerer Manier ihre bisherigen Positionen zum Commitment für die Kernenergie und zur Absage an die Gaskraftwerke. Ihre einzige Begründung war, dass Neubauprojekte jetzt ohnehin nicht mehr mehrheitsfähig wären. Das ist kurzfristiger Opportunismus pur; denn eine Volksabstimmung wäre frühestens in zwei Jahren fällig. Und eine direkte Demokratie zeichnet sich gerade dadurch aus, dass vor der Abstimmung eine seriöse und offene Diskussion erfolgt. Diese müsste dann vor allem auch die Risken, Kosten, Abhängigkeiten aller anderen Alternativen ebenso schonungslos aufzeigen. Aus der Kernenergie auszusteigen, ohne negative und vielleicht unter dem Strich noch schädlichere Konsequenzen, wäre natürlich schön – zu schön, um wahr zu sein. Deshalb hätte ich dem jetzt verständlicherweise verunsicherten und verängstigten Stimmevolk etwa folgendes gesagt. 1. Die Kernenergie wird weltweit nicht verschwinden, sondern sie wird zulegen, weil insbesondere aufstrebende Länder wie China, Indien, Brasilien und weitere Schwellenländer vor einem enormen zukünftigen Elektrizitätsbedarf stehen. Auch Frankreich und Osteuropa werden dabei bleiben (müssen). 2. Die Kernspaltung hat mit ihrer extremen Energiedichte einen physikalischen Vorteil vor allen anderen bei der Umwandlung von Materie in Energie. Dies ist übrigens auch der Grund, weshalb die ebenfalls relativ «dichten» fossilen Energieträger, insbesondere Erdöl und Erdgas (etwas weniger die Kohle), noch lange die Hauptlast der Energieerzeugung tragen werden. 3. Alle Grosstechnologien zur Elektrizitätserzeugung sind mit Grossrisiken verbunden. Oil-Spills, Gasexplosionen, Grubenunglücke oder Dammbrüche bei Stauseen haben pro Gigawatt mehr Menschen das Leben gekostet als die wenigen, aber spektakulären Unfälle bei der Kernenergie. 4. Die fossilen Brennstoffe sind die Hauptursache für den CO2-Ausstoss und die damit verbundene Klimaerwärmung. Ein sofortiger Ausstieg in der Schweiz könnte nur durch fossile Kraftwerke kompensiert werden, womit die eh schon utopischen Reduktionsziele vergessen werden können, bevor man mit der neuen Klimapolitik angefangen hat. 5. Energie ist die Lebensader der modernen Zivilisation. Autarkie in der Elektrizitätsversorgung der Schweiz ist trotzdem kein sinnvolles Ziel. Vielmehr verlangt aber gerade unsere Einbindung ins europäische Netz, dass wir genügend Produktionskapazitäten haben, um allfällige Netzstörungen aus dem Ausland aufzufangen. Der kritische Faktor ist nicht die installierte Leistung, sondern die Netzstabilität. Wind und Sonne sind als unzuverlässige Lieferanten eigentlich Netz-Destabilisatoren. Wir brauchen daher ausreichende zuverlässige Produktionskapazitäten für Bandenergie und Bedarfsspitzen aus einem ausgewogenen Portfolio mit unterschiedlichen Risiken. 6. Alternativenergien sind teuer und mit neuen Risiken verbunden. So müsste mit dem totalen Ausbau der Wasserkraft oder der Windenergie bei den Landschaftsund Umweltschützern ein radikales Umdenken erfolgen. Oder eine Forcierung der Biomasse für die Stromerzeugung geht leider notgedrungen auf Kosten der Nahrungsproduktion. Was steigende Nahrungsmittelund Energiepreise in ärmeren Ländern bewirken, können wir schon heute beobachten. Dies könnte soziale und politische Spannungen ungeahnten Ausmasses erzeugen. 7. Nicht nur bei «grünen Technologien» gibt es einen technischen Fortschritt, sondern auch in der friedlichen Nutzung der Kernenergie. Vielleicht wird hier das tragische Unglück in Japan den Prozess in Rich-
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