Die sexuelle Gretchenfrage: homo- und bisexuelle Menschen im ärztlichen Setting
Author(s) -
DG Nuñez,
M Jäger
Publication year - 2011
Publication title -
swiss medical forum ‒ schweizerisches medizin-forum
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4020
pISSN - 1424-3784
DOI - 10.4414/smf.2011.07465
Subject(s) - philosophy
Zu den grundlegendsten Revolutionen des vergangenen Jahrhunderts gehört die sexuelle zweifellos dazu. Von Freud bis Foucault, von Hirschfeld über Kinsey bis zu Butler haben uns Forschende im Verlauf der letzten 100 Jahre nicht nur die Vielfalt sexuellen Empfindens und Verhaltens, sondern auch den wichtigen Stellen wert der Sexualität für die menschliche Existenz aus den unterschiedlichsten Perspektiven gezeigt. Auf dem sozialen Feld hat das zu einer «Enttabuisierung» se xueller Themen und zur partiellen Öffnung gegenüber sich selbst als lesbisch, schwul und bisexuell bezeich nenden Menschen (LGB) [1] geführt. In der Medizin wiederum kommt heutzutage kein Lehrbuch daran vor bei, die Wichtigkeit der Erhebung der Sexualanamnese zu betonen. Womit auf der anderen Seite indirekt – und vielleicht weniger technisch ausgedrückt – zugegeben wird, was offensichtlich ist: Das Gespräch über Sex bil det auch in der postsexrevolutionären Zeit nach wie vor eine der klassischen «schamhaft besetzten Situa tionen» einer jeden Anamnese. Dreht sich die vertrau liche Unterhaltung nicht nur um das Sexualleben des Patienten1, sondern auch um dessen sexuelles Selbst verständnis und die sexuelle Orientierung, so potenzie ren sich diese Schwierigkeiten nicht nur aufgrund der bis zu diesem Zeitpunkt (teilweise) tabuisierten Inhalte [1, 2]. Gefährdet wird eine offene ArztPatientenKom munikation über Sex und Sexualität, wenn sich auf der formalen Kommunikationsebene (unreflektierte) hier archische Strukturen reproduzieren, in welchen der Mediziner in eine höher stehende Machtposition ver setzt wird. In einer solchen Konstellation kann das Ansprechen sexueller Inhalte («Sind Sie etwa schwul?») sogar kontraproduktiv sein. Weshalb es sich für den be handelnden Arzt lohnt, mit seinen Patienten über deren sexuelle Identität und die daraus entstehenden Konse quenzen offen zu sprechen und über die eigene Kom munikationsweise in diesem Bereich konkret nachzu denken, ist Gegenstand des folgenden Artikels.
Accelerating Research
Robert Robinson Avenue,
Oxford Science Park, Oxford
OX4 4GP, United Kingdom
Address
John Eccles HouseRobert Robinson Avenue,
Oxford Science Park, Oxford
OX4 4GP, United Kingdom