Ärztliche Betreuung von Migranten: Chance für eine bessere Medizin für alle!
Author(s) -
Patrick Bodenmann,
Malick Gehri
Publication year - 2010
Publication title -
swiss medical forum ‒ schweizerisches medizin-forum
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4020
pISSN - 1424-3784
DOI - 10.4414/smf.2010.07068
Subject(s) - medicine
«Wir wissen, unser vielfältiges Erbe ist eine Stärke, keine Schwäche. Wir sind ein Land von Christen, Muslimen, Juden und Hindus, und auch Atheisten. Jede Sprache und Zivilisation aus allen Ecken der Welt ist in unsere Kultur eingegangen.» (Aus der Inaugurationsrede des 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, 20. Januar 2009) Eine Feststellung: Ähnlich wie Bahnhöfe und Flugplätze sind Arztpraxen und andere medizinische Einrichtungen Durchgangsstationen, die sich durch ausserordentliche Vielfalt auszeichnen: Menschen verschiedener Herkunft, mit verschiedenen Sprachen, unterschiedlichen Traditionen, unterschiedlichen Krankheitsbilder, mit den verschiedensten Einstellungen zu Leben und Tod – dies eine Folge der Wanderungsbewegungen des Menschen, des sozusagen «letzten Gliedes in der Globalisierungskette» [1]. Was für Chancen ergeben sich hieraus für den hiesigen Arzt? 1. Häufig muss der Arzt bei der Betreuung von «auswärtigen» Patienten sämtliche Register ziehen, muss zu den Grundlagen seines Berufes zurück, seine Kenntnisse erneuern, kreativ sein. Grundlage unserer Arbeit ist es, dem Patienten zuzuhören. Manchmal ist das nicht möglich: Man ist auf einen Vermittler angewiesen, der uns die fremde Kultur zugänglich macht. Obschon diese Vermittlung bei der Betreuung von Menschen aus anderen Kulturkreisen unabdingbar ist (es gibt eine Fülle von Literatur hierzu), decken die Krankenversicherungen diese Kosten nicht. Das Zuhören ist oft schwierig und kompliziert, man muss eine andere, uns unbekannte Art, Krankheiten zu erleben, verstehen lernen. Und trotzdem, auf einmal geht uns ein Licht auf, wir verstehen einander, hören aufeinander, und jetzt kann der Arzt seine medizinischen Argumente vorbringen. Neben diesem multikulturellen Approach [2] müssen auch die gesundheitsrelevanten sozialen Faktoren beachtet werden [3]. Kommt man zu keiner befriedigenden Anamnese, muss man umso schärfer auf das klinische Erscheinungsbild achten, die Symptome selbst, die vom Patienten empfundenen Beschwerden, die Dauer und den Sinn, den der Patient dahinter sieht. Schliesslich kann es der Arzt auch mit «exotischen» Krankheiten zu tun haben, die bei uns, da sie in unseren Breiten kaum vorkommen, oft weniger bekannt sind, nun aber in unserer mobilen Gesellschaft zunehmend in die differentialdiagnostischen Überlegungen einbezogen werden müssen. 2. Wegen der Komplexität der klinischen und sozialen Situation ist heute eine multiund möglichst auch interdisziplinäre Arbeit im Netzwerk unerlässlich. Netzwerk, Kommunikation, für Kinder ein gemeinsam mit den Eltern geführtes Gesundheitsheft können das gegenseitige Verständnis erleichtern. Zum erwähnten Netzwerk gehören in erster Linie die Familie, nahe Bezugspersonen, Sozialarbeiter, die schulischen Strukturen; weiter kann man auch Fachleute aus den Sozialwissenschaften (Anthropologen, Soziologen, Psychologen etc.), Juristen, Advokaten, Allgemeinärzte und Spezialisten beiziehen, in medizinischen Institutionen mehr und mehr auch administratives Personal und Fachleute für finanzielle Fragen. Durch all diese Hilfestellungen soll für jeden, unabhängig von Herkunft und Sozialstatus, eine gute medizinische Versorgung gewährleistet werden («an exceptional medicine without exception»). 3. Die sozialen und juristischen Rahmenbedingungen sind in unserem beruflichen Alltag manchmal an der Grenze des Zumutbaren. Unausweichliche ethische Fragen können sich in der Sprechstunde jederzeit stellen. Unsere ethischen Prinzipien (Nützliches tun, Schädliches vermeiden, gerechte Verteilung, Autonomie) sind unsere Leitplanken beim Entscheid [4]. 4. Schliesslich ist der klinisch tätige Arzt, oft zusätzlich Lehrer und Forscher, auch Mitglied unserer Zivilgesellschaft. Als solches kann er sich als «Fürsprecher» für die minimalen Rechte der Migranten unter seinen Patienten einsetzen. Diese Personen sind aufgrund ihrer individuellen Geschichte und ihrer Position in der Gesellschaft, aber auch als Folge unseres gesundheitspolitischen Umfelds oft besonders verletzlich. Hier gilt es, hinzuweisen, zu unterweisen, Zeugnis abzulegen. Die erwähnten vier Bereiche zeigen uns wieder einmal das Essentielle unserer Arbeit als Ärzte: zuhören, Schauen, Überlegen, Kommunizieren, wobei der Ausgangspunkt der Patient und seine Familie sein muss und man sich von da aus zum «medizinischen Problem» vorarbeiten muss, nicht umgekehrt! Durch diese Erfahrungen lernt der klinisch tätige Arzt nicht nur, besser mit Patienten aus fernen Ländern umzugehen, sondern gewinnt auch zusätzliche Sicherheit und Kompetenz in der therapeutischen Beziehung zu einheimischen Patienten. Als Lehrender kann der Arzt sein spezielles Wissen über diese Probleme, Bedürfnisse, Wertvorstellungen, seine praktischen Erfahrungen zum «savoir-faire» und «savoir-être» an Studenten und weni-
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