Orthopädie: die Finger der Extremen
Author(s) -
A Schweizer
Publication year - 2010
Publication title -
swiss medical forum ‒ schweizerisches medizin-forum
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4020
pISSN - 1424-3784
DOI - 10.4414/smf.2010.07054
Subject(s) - die (integrated circuit) , engineering , mechanical engineering
Früher nannte man sie die Extremen, heute werden sie nüchtern als Sportkletterer bezeichnet. Nichtsdestotrotz wurde die Leistungsspirale durch Protagonisten wie Chris Sharma (USA) oder Frédéric Nicole (CH) unaufhaltsam nach oben geschraubt. Mussten in den 1990er Jahren für den 11. Schwierigkeitsgrad noch über mehrere Monate die Kletterpassagen für die meist 20 bis 30 überhängenden Meter am Fels einstudiert werden, kommen die heutigen Cracks wie Adam Ondra (CZ) oder Patxi Usobiage (E, Abb. 1 x) mit einigen wenigen Versuchen für die «Rotpunkt» genannte sturzfreie Begehung einer Route aus. Selbst für die sogenannte «on-sight»-Begehung, den Durchstieg einer unbekannten Route im ersten Versuch, wird heute der untere 11. Grad erreicht. Aber auch an grossen alpinen Wänden wird heute bereits annähernd in dieser Schwierigkeit geklettert, wie durch die kürzliche Rotpunkt-Begehung der Japaner-Direttissima in der Eigernordwand gezeigt wurde. Beim Klettern in den oberen Graden, insbesondere aber beim trendigen Bouldern, dem Klettern von kurzen Passagen ohne Seil auf Absprunghöhe, welches notabene einen enormen Zulauf erfuhr, ist eine hohe Maximalkraft in Fingern und Oberkörper gefordert. Die Griffe liegen hier oft derart weit auseinander, dass ein dynamischer Kletterstil verfolgt werden muss. Die Athleten fliegen dabei, die 3-Punkte-Regel missachtend, zeitweilig ohne Felskontakt durch die Luft. Auch der zum Felsklettern parallel geführte internationale Wettkampfzirkus an Kunstwänden erfordert ein Vollzeitpensum, um an der Spitze mithalten zu können. Das Hochziehen an nur einem Finger, gemäss der Paradeübung einfingriger Klimmzug, und das Halten an nur wenige Millimeter breiten Felsvorsprüngen geht aber nicht schonungslos an den Fingern vorüber. So sind einige beim Klettern beobachtete Verletzungsmuster im Fingerbereich erstmals in der medizinischen Literatur beschrieben worden. Die sogenannte aufgestellte Fingerposition mit stark gebeugtem Fingermittelgelenk und überstrecktem Endgelenk (Abb. 2x), welche bei kleinen Griffen in schwierigen Routen fast ausschliesslich angewendet wird, führt so zur häufigsten Verletzung der Sportkletterer, der geschlossenen Ringbandruptur der Beugesehnenscheide. Die aufgestellte Fingerposition nehmen im Übrigen auch Affen ein, wenn sie gezwungen sind, sich an kleinen Vorsprüngen festzuhalten, wie man es mit etwas Glück an den Fensterrahmen im Basler Zoo beobachten kann. Es ist aber nicht nur die Umlenkung der Sehnen an den Ringbändern, sondern auch die Reibungskraft, welche für die Ringbandverletzungen verantwortlich ist. Diese Reibungskraft, welche knapp 10% der statischen Fingerhaltekraft beim Menschen ausmacht, steht in Analogie zur sogenannten Sperrhemmvorrichtung bei Fledermäusen und anderen kletternden Säugern. Diese können durch Verzahnung der Beugesehnen mit den Ringbändern eine derart hohe Reibung entwickeln, dass sie auch ohne Muskelaktivität ihr Körpergewicht tragen können. So hängend können sie schlafen, überwintern und sogar ihr Dasein im Jenseits verbringen. Auch Wasservögel benutzen einen ähnlichen Mechanismus, indem sie beim Paddeln durch Blockierung der Sehnen gegenüber ihren Ringbändern Muskelkraft einsparen. Da die meisten Ringbandrisse bei Kletterern solitär sind, können sie mit gutem Resultat konservativ behandelt werden. Lediglich Serienrupturen mit erheb-
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