Die Trauer ... hat sie noch einen Platz in unserer Gesellschaft?
Author(s) -
CY Genton
Publication year - 2006
Publication title -
swiss medical forum ‒ schweizerisches medizin-forum
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4020
pISSN - 1424-3784
DOI - 10.4414/smf.2006.05819
Subject(s) - art , humanities
Gemeinschaft zögern nicht, eine Reise von Hunderten von Kilometern auf sich zu nehmen, oft unter prekären, wenn nicht gefährlichen Bedingungen, um an der Beerdigungsfeier teilzunehmen. Diese Zeremonien, die oft mehrere Tage dauern, sind gekennzeichnet durch eine ständige Totenwache, die von strömenden Tränen und lauten Klagen, hauptsächlich seitens der Frauen, begleitet wird. Einige mögen darüber lächeln, andere spotten ... aber ganz zu Unrecht! Diese Möglichkeit, seinen Schmerz so ausdrücklich kundzutun, und damit sein tiefes Leid herausschreien zu können, ohne Hemmung, von der Gemeinschaft begleitet und eng mit ihr verbunden, hat ohne Zweifel eine unendlich heilsamere Wirkung als irgendein Antidepressivum! ... Wenn bisher nur die Trauer nach einem Todesfall angesprochen wurde, sollten wir nicht vergessen, dass eine «Trauersituation» immer dann eintritt, wenn ein Mensch in seinem Wesen durch den Verlust eines wichtigen Elementes seines Daseins getroffen wird, sei es physisch oder psychisch, zum Beispiel nach der Amputation eines Organs oder einer Gliedmasse, bei eintretender Invalidität als Folge einer Krankheit oder eines Unfalls, bei einer Kündigung oder einer forcierten frühzeitigen Pensionierung, nach einer Trennung, einer Scheidung usw. ... Wir sollten uns auch bewusst sein, dass jeder von uns, ob Kind oder Erwachsener, irgendwann Opfer eines solchen Schicksalsschlags werden kann. Dann gilt es, über den Verlust zu trauern, schmerzhafte Zeiten zu überstehen und durch dunkle, endlos scheinende Tunnels zu wandern. Wir sollten den Mut und die Ehrlichkeit haben, nicht nur unsere Gefühle zu akzeptieren, sondern auch sie auszudrücken, selbst wenn sie mit Bestürzung und tiefster Traurigkeit beladen sind. Darüber hinaus sollten wir dieses Recht den Menschen in unserer Umgebung zugestehen, sei es im familiären, sozialen oder beruflichen Rahmen. Die Trauer gehört ebenso zum Leben wie die glücklichen Stunden und feierlichen Ereignisse. E D I T O R I A L Schweiz Med Forum 2006;6:311 311
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