Stirbt der Hausarzt aus?
Author(s) -
RA Streuli
Publication year - 2006
Publication title -
swiss medical forum ‒ schweizerisches medizin-forum
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4020
pISSN - 1424-3784
DOI - 10.4414/smf.2006.05773
Subject(s) - political science
deren Arbeit zu begeistern, offensichtlich aber mit mässigem Erfolg. Denn – Hand aufs Herz – wer erliegt nicht der Faszination eines CT-Bildes, welches die Organe schöner darstellt als jedes Anatomiebuch, nachdem man vorher mühsam versucht hat, Leber und Milz zu palpieren? Die medizinische Technik hat zweifellos zu spektakulären Erfolgen geführt – nota bene für eine Minderzahl der täglich unsere Arztpraxen aufsuchenden Patienten. Die grosse Mehrzahl – wahrscheinlich etwa 90% – aller Leiden können durch Hausärzte (Allgemeinmediziner, Allgemeininternisten und Pädiater) kompetent und kostengünstig betreut werden. Sie sind Generalisten, die ihre Grenzen kennen und ungefähr 10% ihrer Patienten an den Spezialisten weiterweisen müssen. Mit dem Untergang der Departemente für Innere Medizin an unseren Universitäten ist natürlich auch die Ausbildung der Generalisten gefährdet, und das hat weitreichende finanzielle Folgen! Man wird in Zukunft kaum noch Allgemeininternisten als Chefärzte für Kantonsund Regionalspitäler finden. Spezialisten sind interventionistisch eingestellt und wenden, durch ihre Ausbildung bedingt, kostspielige Eingriffe wie Endoskopien, Herzkatheteruntersuchungen usw. häufiger an als Generalisten. Dabei wird der Generalist in unserem Gesundheitssystem immer wichtiger, denn die Patienten, die unsere Spitäler und Arztpraxen aufsuchen, sind mehrheitlich hochbetagt und polymorbid. In meiner Klinik findet sich kaum ein Patient, der weniger als fünf gravierende Diagnosen aufweist. Die Betreuung alter polymorbider Patienten ist aber die eigentliche Domäne des Generalisten, der seine Abklärungen und therapeutischen Massnahmen massvoll abwägend der Ganzheit des Patienten anzupassen versucht und dabei die Optimierung der Lebensqualität als oberstes Ziel im Auge behält. Es erstaunt deshalb nicht, dass eine meiner wichtigsten Interventionen auf der Chefvisite das Absetzen von unnötigen Medikamenten und das Verhindern unangemessener Untersuchungen ist. Zur Attraktivitätsverminderung des Hausarztberufes trägt natürlich auch bei, dass bei uns Patienten direkt den Organspezialisten aufsuchen können, ohne vorher vom Allgemeinmediziner als «Gatekeeper» gesehen worden zu sein. Dieses unkoordinierte Konsumieren zahlloser Ärzte, auch «doctor shopping» genannt, verteuert unser Gesundheitswesen ungemein. Wenn die Hausarztpraxen aussterben, werden sich Notfallpatienten nachts und an Wochenenden direkt an die Notfallpforten unserer Spitäler wenden, eine Tendenz, die bereits in vollem Gange E D I T O R I A L Schweiz Med Forum 2006;6:91–92 91
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