Polyphemsyndrom, oder - «das kam dann noch dazu»
Author(s) -
Adler Rh
Publication year - 2005
Publication title -
swiss medical forum ‒ schweizerisches medizin-forum
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4020
pISSN - 1424-3784
DOI - 10.4414/smf.2005.05553
Subject(s) - philosophy
Auf der Rückfahrt von Troja gerieten Odysseus und seine Genossen in die Gewalt Polyphems, eines Riesen, Sohn des Poseidon und Schafzüchter. Er, der sein einziges Auge mitten auf der Stirn trug – so führte der Gymnasiallehrer vor seiner Klasse aus – hielt die Griechen in seiner Höhle gefangen, in die er nachts auch seine Schafherde einschloss. Nachdem er schon sechs Griechen verspeist hatte, bewerkstelligten Odysseus und seine Genossen listig die Flucht: Als Polyphem am Morgen die Widder ins Freie liess, tastete er deren Rücken ab, um auf den Tieren sitzende Griechen abzufangen. Diese hatten sich aber an die Bäuche der Tiere geklammert und entgingen den tastenden Pranken des Riesen. Johlend gelangten sie zu ihren Schiffen und stachen in See. Der Lehrer beschrieb begeistert, wie der wütende Koloss den Schiffen Felsbrocken nachschleuderte, sie aber verfehlte, weil er als Einauge kein stereoskopisches Sehen besass. Da meldete sich ein Schüler und warf ein, dass die Griechen in der Nacht vor der Flucht Polyphem geblendet hätten, indem sie ihm so viel Wein einflössten, dass er in einen tiefen Schlaf verfiel, den sie benutzten, um ihm mit einem glühenden und zugespitzten Pfahl das Auge auszubohren. «Das kam dann noch dazu» kommentierte der enthusiastische Lehrer.
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