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Wen behandeln: Gesunde oder Kranke?
Author(s) -
R Krapf
Publication year - 2005
Publication title -
swiss medical forum ‒ schweizerisches medizin-forum
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4020
pISSN - 1424-3784
DOI - 10.4414/smf.2005.05462
Subject(s) - psychology
Traditionell war in der Medizin die Richtung des fachlichen Informationsflusses oder des Wissenstransfers bedingt durch das Ausbildungsstadium des Arztes. Während im Studium meist der Wissenstransfer vom Hochschullehrer zum Studenten und angehenden Arzt floss, haben sich die Ärzte bei zunehmendem Wissen und Erfahrung die Information selbst eingeholt. Mit der Ausbildung war auch die Formation des Arztes abgeschlossen. Zunehmende Erfahrung und geregelte Weiterbildung besorgten das weitere. Die letzten Jahre haben eine dramatische Veränderung dieses Informationsverhaltens gebracht. Es ist nicht mehr primär der Arzt, welcher aufgrund der sich stellenden Probleme nach Informationen sucht, Ratschläge einholt und entsprechend verarbeitet. Vielmehr wird der Arzt selber – aufgefordert oder unaufgefordert – mit Informationen eingedeckt. Der Wissenstransfer hat sich von der Suche nach Information zu einem automatischen oder sich aufdrängenden Liefern von Information («Push-Strategie») verändert. Bis zu einem gewissen Grade ist diese Strategieumkehr aufgrund der Komplexität und der Dynamik in der Medizin gerechtfertigt. Unsere Fortund Weiterbildung ist auch nichts anderes als Push-Strategie. Die Push-Strategie hat aber längst diese Leitlinien verlassen. Den Ärzten wird suggeriert, endlich dieses oder jenes neue Medikament zu verschreiben, Screeningteste für jene oder diese Krankheit zu veranlassen. Dies geschieht oft mit einem Unterton des leisen Vorwurfes, der den Arzt offensichtlich schleunigst zum Umdenken und neuen Handeln veranlassen soll. Es wäre falsch anzunehmen, dass es nur direkte und zum Teil vielleicht sogar legitime Interessen der entsprechenden Industrie sind, welche zu dieser Push-Strategie verleiten. Es sind ebenso sehr auch Kollegen und Fachvertreter, welche Morgenröte wittern, wenn auf ihrem Fachgebiet einträgliche Neuerungen anstehen. Wie anders ist es zu erklären, dass eine ziemlich aufdringliche Kampagne zur Akutbehandlung des Hirnschlages inszeniert wird, wenn auch die entsprechenden Daten für den Nutzen einer Thrombolyse noch mehr als dürftig, wenn nicht gar negativ sind? Auch Standesorganisationen und Behörden benutzen die Push-Strategie, um die Ärzte nicht nur zu informieren, sondern ebenso häufig auch zu instrumentalisieren. Die in verschiedener Hinsicht die Grenzen des guten Geschmacks übersteigenden Inserate des Bundesamtes für Gesundheit sind ein sprechendes Beispiel. Dieses letztere Beispiel zeigt auch, dass längst nicht mehr der Arzt die Zielscheibe dieser PushInformationsstrategie ist. Dies ist der Patient nun selbst. Er wird direkt aufgesucht via Medien, Drogerien oder Apotheken und veranlasst, für seine bewiesene oder vermutete Krankheit beim Arzt jenen diagnostischen Test oder diese, neue therapeutische Modalität zu verlangen. Die Ärzte werden ganz offen als Hindernisse angesehen, die die schnelle Umsetzung von «Neuerungen» verlangsamen. Lästigerweise mögen sie mit den bisher etablierten Methoden gute Erfahrungen gemacht haben und in ihrem Berufsleben auch schon so manche, schnell wieder ad patres beförderte Medizinsensation miterlebt haben. Die Politik der Push-Strategie ist aber schon viel weiter fortgeschritten. Nicht mehr nur der Patient, sondern der gesunde Mensch oder – wenn wir es so ausdrücken wollen – der potentielle Patient ist zur Zielscheibe dieser Strategie geworden. Die Leute werden gefragt, ob sie allenfalls nicht an diesem oder jenem Symptom oder Symptömchen leiden. Es wird ihnen gesagt, dass dies nicht nur vielleicht etwas lästig, nein vielmehr krankhaft und deshalb behandlungsbedürftig sei. Es wird den sich sonst gesund Fühlenden z.B. eingeredet, dass es nicht mehr normal sei, in einer gegebenen Lebenssituation einmal traurig oder niedergeschlagen zu sein. Nein, man ist depressiv und diese Tatsache erfordert eine Abklärung und eine Therapie! Auch der Schmerz, eine höchst protektive Sinnesqualität, welche zu schützenden und nachhaltigen Verhaltensänderungen zwingt, wird unabhängig von seiner Intensität als menschenunwürdig betrachtet. Nachdem die Verjüngung der Frau mittels postmenopausaler Hormonsubstitution wegen Nebenwirkungen und nicht erfüllter Versprechen weitgehend der Vergangenheit angehört, ist nun der alternde Mann im Focus. Ihm soll nicht zum Annehmen eines physiologischen Prozesses geraten werden. Er soll vielmehr mittels Hormonersatz und anderer Medikamente seine Männlichkeit auf postpubertärem Niveau perpetuieren. Diese Push-Strategie des Wissenstransfers bis hin zu den bisher als gesund betrachteten Individuen hat eine Medizinalisierung bzw. gar eine Pathologisierung unseres normalen Alltagslebens gebracht. Dadurch ist der Begriff, was biologisch und altersgemäss normal ist, nachhaltig in Frage gestellt. Dieser Normalitätsbegriff des Gesunden ist so massiv ins Wanken geraten, dass es ab einem gewissen Alter überhaupt keinen Gesunden mehr zu geben scheint. Diese Entwicklung ist in dem Sinne ungerecht, ja sogar brutal, als dass sie gesunden Menschen unserer Gesellschaft einredet, sie seien nicht mehr normal. Sie ist – ohne jede Übertreibung – eine Bedrohung für eine weise und zufriedene Lebensführung, mithin das Lebensglück allgemein. Sie Wen behandeln: Gesunde oder Kranke?*

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