z-logo
open-access-imgOpen Access
Hausarztmedizin: Hausarzt - eine aussterbende Gattung?
Author(s) -
JJ Fasnacht
Publication year - 2005
Publication title -
swiss medical forum ‒ schweizerisches medizin-forum
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4020
pISSN - 1424-3784
DOI - 10.4414/smf.2005.05413
Subject(s) - art
Man mag es drehen und wenden, wie man will, das Grundmuster von Evolution und Selektion durchdringt selbst unser Alltagsleben. Weshalb soll es auch gerade vor uns haltmachen? Zweifellos erfordern die sich stets verändernden Lebensund Arbeitsbedingungen ein Höchstmass an Anpassung und Flexibilität, will man nicht unter der Last des «alltäglichen Selektionsdrucks» zusammenbrechen. Aber wie steht es in unseren Reihen um diese Eigenschaften und die Bereitschaft, sich deren Diktat zu beugen? Nehmen wir als Beispiel die Gattung «Hausärzte». Eine exemplarische Spezies, die sich über Dekaden Anerkennung, Prosperität und Autonomie erschaffen hat. «Erschaffen» im wahrsten Sinne des Wortes, denn der Weg dazu war steinig, schlafraubend, überstundengesät, wochenendmissachtend und familienfriedenbeeinträchtigend. Und doch waren da letztlich nebst dem fast schon masochistischen Aufopferungsdrang, der so keine persönlichen Bedürfnisse, aber dafür durchaus eine gewisse Bereitschaft zu narzisstischer Kränkung kannte, Stolz und auch Zufriedenheit. Gab es denn einen vollkommeneren Beruf, der in dieser idealen Verschmelzung die Erkenntnisse der Naturwissenschaften und deren praktische Umsetzung mit empathischem Sendungsbewusstsein verband? Gab es denn einen verantwortungsvolleren Beruf, der derart viel Autonomie und Eigenverantwortung ermöglichte, selbst auf die Gefahr hin, dass man gelegentlich als Einzelkämpfer die grossen Zusammenhänge aus den Augen verlor? Und – Hand aufs Herz – erlaubte uns dieser Beruf, trotz oder gerade wegen seiner hohen Sozialkompetenz, nicht auch ein wirtschaftlich überaus gesichertes Auskommen? Eine Unabhängigkeit, die bei weitem alle Mühsale und Opfer, denen wir ja nicht unbedingt wehrlos ausgesetzt waren, aufwog? Wahrlich eine paradiesische Zeit. Manch einer von uns mag sich in seinem selbst geschaffenen Gärtchen zufrieden zurückgelehnt haben und den aufkommenden Wind nicht wahrgenommen haben. Weshalb auch? Nach wie vor war man am Puls des Wissens, auf dem Stand der gängigen medizinischen Lehre dank unstillbarem Wissensdurst und permanenter Fortbildung. Die rasante und spektakuläre Entwicklung der Medizin garantierte scheinbar auf immer bedingungslose Akzeptanz, ja Abhängigkeit, unserer Mitmenschen. Die Verschiebung demographischer Gleichgewichte war unantastbarer Beweis unseres fast omnipotenten Könnens. Die Zuneigung und der Applaus der Allgemeinheit waren uns auf Generationen hinaus gewiss, meinten wir. Denn wer würde allen Ernstes am Baum sägen wollen, an dem die Früchte der Gesundheit und der womöglich ewigen Jugend gedeihen? Die Krankheit hatte den Nimbus des Schicksalhaften verloren. Heilung war nicht länger eine göttliche Fügung und Gabe, sondern eine schon fast selbstverständliche Erwartung an uns Ärztinnen und Ärzte. Wer mag es den Patienten verargen, wenn sie ob all den epochalen medizinischen Fortschritten, die wir ja durchaus publikumswirksam zu vermarkten wussten, zunehmend das Augenmass für die Grenzen der ärztlichen Kunst verloren und wie selbstverständlich jegliche Leistungen für sich einforderten? Medizin wurde zum Konsumund Allgemeingut, Gesundheit war Normalfall. Der Mythos der Wunderheiler in Weiss bröckelte. Mit Verwunderung mussten wir zur Kenntnis nehmen, dass wir nicht länger einen besonderen Status in unserer Gesellschaft innehatten. Für viele von uns war die Einsicht und Erfahrung äusserst schmerzhaft, dass wir entrückt in unseren medizinischen Sphären nicht wahrnehmen wollten, wie sehr sich unsere Vorstellungen und Bedürfnisse von denjenigen unserer Patienten zu unterscheiden begannen. Medizin und Mediziner sind nicht länger unantastbar und unverhandelbar. Unsere Kunst – so meinen viele – wird in ihrer Freiheit zunehmend beschnitten, reglementiert und kontrolliert. Der Arzt wirkt nicht länger als bedingungsloser Vertrauter und Anwalt seines Patienten, sondern ist Verwalter und Verteiler begrenzter und klar definierter medizinischer Ressourcen. Das Berufsbild hat sich grundlegend verändert. Ökonomische Zwänge drohen in medizinische Rationierung und eine ethisch unvorstellbare und inakzeptable Zweiklassenmedizin auszuarten. Gesund sterben als – nicht nur ökonomisch – oberste Maxime ärztlichen Denkens und Handelns. Die atemberaubenden Änderungen von Rahmenbedingungen und die nüchterne Einschätzung unseres Berufbildes taten unserem stolzen Selbstverständnis nicht gut. Selbstaufopferung, Idealismus und «Berufung» können für einen angehenden sogenannten Grundversorger unter Hausarztmedizin: Hausarzt – eine aussterbende Gattung?

The content you want is available to Zendy users.

Already have an account? Click here to sign in.
Having issues? You can contact us here
Accelerating Research

Address

John Eccles House
Robert Robinson Avenue,
Oxford Science Park, Oxford
OX4 4GP, United Kingdom