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Frühgeburt: Das Neugeborene ist nicht immer nur ein unschuldiges Opfer!
Author(s) -
S Gerber,
P Hohlfled
Publication year - 2003
Publication title -
swiss medical forum ‒ schweizerisches medizin-forum
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4020
pISSN - 1424-3784
DOI - 10.4414/smf.2003.04750
Subject(s) - medicine
In den letzten zwei Jahrzehnten wurden im Bereich der Geburtshilfe und der Neonatologie wichtige Fortschritte erzielt, und heute gibt es für unreife Frühgeborene ermutigende therapeutische Perspektiven. Trotzdem bleibt der Anteil der Frühgeburten konstant (ca. 10%), in gewissen Ländern ist die Tendenz sogar steigend. Die Frühgeburt stellt weiterhin ein grosses Problem dar; 70% der perinatalen Morbiditätsund Mortalitätsfälle sind darauf zurückzuführen. Der vorzeitige Blasensprung und vorzeitige Wehen sind in etwa 75% der Fälle die Ursache einer Frühgeburt. Auch wenn solche die Ätiologie multifaktoriell ist, scheint die Infektion doch in etwa 50% der Fälle eine ausschlaggebende Rolle zu spielen [1]. Zudem haben neuere Studien Hinweise auf eine mögliche frühe Infektion während der Schwangerschaft ergeben, die jedoch bis wenige Wochen vor der Geburt nicht bemerkt wird. Bei vorzeitigen Wehen ohne Blasensprung ist eine Fruchtwasserkultur nur in 13 bis 20% der Fälle positiv! In zahlreichen Studien wurde ganz klar ein Zusammenhang zwischen der Infektion, der Aktivierung des Immunsystems und vorzeitigen Wehen festgestellt. Der Wirt antwortet auf jede Infektion mit der Ausschüttung von Substanzen, die eine Reihe von entzündlichen Reaktionen hervorrufen, welche wiederum für die Auslösung einer Frühgeburt eine entscheidende Rolle zu spielen scheinen [2]. Bei einer Fruchtwasserinfektion produzieren insbesondere die Entzündungszellen des Chorion und der Dezidua zahlreiche proinflammatorische Zytokine: Interleukin-1b (IL-1b), IL-6, IL-8 und den Tumor-Nekrose-Faktor-a (TNF-a). Diese Zytokine fördern die Synthese von Prostaglandine PG2 und stimulieren die Rezeptoren von Oxytocin, wodurch die Wehen ausgelöst werden. Sie führen via die Matrix-Metalloproteinasen (MMP) zudem zu Veränderungen in der extrazellulären Matrix, was den Blasensprung auslöst. Eine frühere Frühgeburt ist bei einer späteren Schwangerschaft ein wichtiger Risikofaktor für eine Wiederholung. Die Inzidenz von Frühgeburten ist je nach ethnischer Herkunft unterschiedlich. Diese Beobachtungen haben zur Hypothese geführt, dass bei der Frühgeburt ein genetischer Faktor mitspielt [3]. Die meisten Gene, die für diese Zytokine kodieren, sind polymorph. Die verschiedenen Allele weisen einen unterschiedlichen Grad von Proteinsekretion auf. Somit hängen das Ausmass der Entzündungsreaktion und ihre Folgen vom genetischen Profil des Wirtes ab. Gewisse Allele sind an eine stärkere, andere an eine geringere Zytokinproduktion gebunden. Kürzlich wurde nachgewiesen, dass eine Mutation des Gens, das für TNF-a kodiert, bei der Mutter mit einer erhöhten Frühgeburtenrate und insbesondere vorzeitigem Blasensprung, zusammenhängt. Zudem weisen afroamerikanische Frauen für Interleukin-1b (IL-1) und den spezifischen Antagonisten seines Rezeptors (IL-1ra) ein anderes genotypisches Profil auf als Frauen kaukasischer Herkunft. Diese Eigenschaft erhöht das Risiko für Genitalinfektionen, insbesondere für bakterielle Vaginosen. Dieser Unterschied könnte die erhöhte Frühgeburtenrate in dieser Population erklären. Und der Fetus? Er ist auch für die entzündliche Reaktion und somit die Auslösung seiner eigenen Frühgeburt mitverantwortlich! Je nach seinem Zytokin-Genotyp könnte er einem grösseren Frühgeburtsrisiko ausgesetzt sein. Das Vorkommen eines gewissen Allels des Antagonisten des IL-1b-Rezeptors (IL-1ra) bei Feten spanischer Herkunft und eines gewissen Allels von IL-1b bei Feten afroamerikanischer Herkunft steht in deutlichem Zusammenhang mit dem erhöhten Risiko eines vorzeitigen Blasensprungs [4]. Desgleichen stellt bei einer Zwillingsschwangerschaft das Vorkommen des Allels 2 des Antagonisten des IL-1b-Rezeptors (IL1ra) bei beiden Feten einen zusätzlichen Risikofaktor für eine Frühgeburt dar. Diese Beobachtungen zu den fetalen genetischen Faktoren sind unabhängig vom genotypischen Profil der Mutter. Die Frühgeburt bleibt eine heterogene Pathologie, bei der mehrere verschiedene Prozesse sich gegenseitig verstärken. Der Nachweis von genetischen Faktoren in Zusammenhang mit dem Polymorphismus der Zytokine beweist, dass eine gewisse individuelle Empfänglichkeit für die Entzündungsmechanismen, die zu einer Frühgeburt führen, besteht. Das Auslösen dieFrühgeburt: Das Neugeborene ist nicht immer nur ein unschuldiges Opfer!

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