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Forschung über polygene Erkrankungen Wird die Genetik die Praxis des klinisch tätigen Arztes verändern?
Author(s) -
P Dussoix
Publication year - 2001
Publication title -
swiss medical forum ‒ schweizerisches medizin-forum
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4020
pISSN - 1424-3784
DOI - 10.4414/smf.2001.04360
Subject(s) - gynecology , philosophy , medicine
Die Antwort auf diese Frage ist nicht von vornherein klar. Sie wird je nach Anwendungsgebiet der Genetik unterschiedlich ausfallen, in der Diagnostik wie in der Therapie. Es gibt in der Genetik Entwicklungen, die schon heute die tägliche Praxis des Arztes beeinflussen. Zum Beispiel hat das bessere Verständnis der molekularen Mechanismen gewisser Erkrankungen die Entwicklung neuer Medikamente ermöglicht (wobei ein entsprechendes Beispiel im Bereich polygener Erkrankungen noch aussteht). Die Kenntnis des Genotyps bestimmter Bakterien oder Viren erlaubt es, diese einfacher und schneller zu bestimmen, namentlich wo die Kultur lange dauert (z.B. bei Mykobakterien) oder schwierig ist (z.B. bei Chlamydien). Schliesslich erlaubt die Gentechnik die Entwicklung von Medikamenten, deren aktives Prinzip aus nichts anderem als einem bei bestimmten Erkrankungen fehlenden Protein besteht (z.B. Erythropoietin bei Niereninsuffizienz). Wenn man diese Aspekte der Genetik betrachtet, ist die Antwort auf die eingangs gestellte Frage sicher positiv, und wir stehen erst am Anfang einer neuen Ära, in der die Genetik sich dank ihrem Wissen um die molekularen Grundlagen fruchtbar auf die Medizin auswirkt. Was die Genetik für diagnostische oder prognostische Zwecke betrifft, wird es noch Geduld brauchen, bis wir so weit sind, dass diese Verfahren Eingang in die tägliche Praxis finden. Wie gesagt, hat die Begeisterung der Forscher in den letzten Jahren die Praktiker (und die Patienten) angesteckt, und alle haben geglaubt, man würde das Gen für Diabetes, das Gen für Fettleibigkeit, das Gen für Hypertension entdecken. Leider zeigt es sich 10 Jahre später, dass das Bild wesentlich komplizierter ist, dass das Wort «Gen» in der Mehrzahl verwendet werden muss und dass auch der «Rest», die Umwelt, zu berücksichtigen ist. Bisher hat die Genetik gleichsam nur die Spitze des Eisbergs bei diesen verschiedenen Entitäten identifizieren können, nämlich die autosomal dominant vererbten Formen wie MODY bei Diabetes oder die familäre Hypercholesterinämie bei den Hyperlipidämien. Wenn auch aus pathophysiologischer Sicht sehr interessant, haben diese Erkenntnisse kaum wesentliche Fortschritte in der Diagnostik oder Therapie dieser komplexen Erkrankungen gebracht. Der Gemeinschaft der Wissenschafter ist bald einmal bewusst geworden, dass es sich um polygene Erkrankungen mit unterschiedlicher Penetranz handelt, die durch Umweltfaktoren mitbeeinflusst werden. Daher sind – mit Ausnahme der seltenen monogenen Krankheiten – von der voraussagenden Genetik lediglich komplexe statistische Modelle zu erwarten, welche mehrere Gene unterschiedlicher Bedeutung sowie modulierende Umweltfaktoren einzuschliessen haben werden. Es ist klar, dass noch ein weiter Weg und viele Jahre Forschungsarbeit vor uns liegen, bis solche Voraussagemodelle erarbeitet sein werden, welche schliesslich doch nur approximative Risikovoraussagen erlauben werden. Und man kann sich fragen, ob solche Modelle, sofern dereinst verfügbar, überhaupt von Nutzen sein werden. Werden sich gesunde Personen untersuchen lassen, um ihr Risiko für diese oder jene Erkrankung zu erfahren? Werden sie gegebenenfalls ihr Verhalten ändern, um ihr Risiko zu beeinflussen? Wird der Arzt die Überwachung des Patienten je nach dessen Risiko unterschiedlich gestalten? Es wird sich ja nur um ein Element unter anderen handeln, ähnlich einem neuen Risikofaktor, der mitzuberücksichtigen sein wird, wenn über die Durchführung einer diagnostischen Untersuchung zu entscheiden, deren Resultat zu interpretieren, der Entscheid über die Aufnahme einer Therapie zu fällen ist. Brauchen wir das wirklich für die Betreuung unserer Patienten? Vielleicht sollten wir hierüber nachdenken, bevor wir viel Zeit und Geld in riesige Forschungsprojekte investieren, in denen der Patient als Mensch mit seiner Seele und seinem Bewusstsein nach und nach aus dem Blickfeld verschwindet. Dieser pessimistischen Beurteilung über die Auswirkungen der «allmächtigen» Genetik auf die Klinik kann immerhin entgegengesetzt werden, dass es ein Gebiet gibt, wo die Genetik für den Praktiker wichtige Erkenntnisgewinne bringen dürfte, die Pharmakogenetik. Die AufForschung über polygene Erkrankungen

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