Über den Umgang mit Fremden und mit Fremdem
Author(s) -
Joachim Küchenhoff
Publication year - 2016
Publication title -
swiss archives of neurology psychiatry and psychotherapy
Language(s) - German
Resource type - Journals
SCImago Journal Rank - 0.131
H-Index - 13
eISSN - 2297-7007
pISSN - 2297-6981
DOI - 10.4414/sanp.2016.00442
Subject(s) - political science
Wir stehen in Psychiatrie und Psychotherapie vor bzw. schon mitten in einer neuen Herausforderung, die uns durch Flüchtlinge und Menschen, die um Asyl bei uns ersuchen, aufgegeben ist. Wer ist der Flüchtling für uns? Wie fremd fühlen wir uns den Menschen, deren Not wir zwar sehen, deren Sprache wir vielleicht nicht oder nicht sicher beherrschen, deren aktuelle Belas tungen, aber auch deren Lebensgewohnheiten und biographische Voraussetzungen uns schwer einfühl bar sind? Wie können wir einen anderen behandeln, wenn er uns aufgrund des unvertrauten kulturellen Horizonts fremd ist und fremd bleibt? Die transkulturelle Psychiatrie wird, das ist offen sichtlich, immer bedeutsamer für die psychiatrische Diagnostik und die Psychotherapie. Dies aber nicht nur deshalb, weil durch Wellen von Flucht und Migration ein Arbeitsgebiet wächst. Durch die trans kulturelle Arbeit werden Fragen neu aufgeworfen, die zu den Kernfragen der psychiatrischen und psycho therapeutischen Tätigkeit überhaupt gehören. Wer der oder die Fremde ist, wie ein Zugang zu ihm oder ihr möglich sein kann, diese Fragen stellen sich in der psychiatrischen Praxis täglich, und zwar in jeder klinischen Begegnung. Indem die transkulturelle Psychiatrie neue Antworten auf diese Fragen fin det, bereichert sie die Allgemeinpsychiatrie, statt nur von ihr zu profitieren. Die Begegnung mit kulturell Fremden zwingt dazu, sich über den Umgang mit Fremden und mit Fremdem überhaupt Gedanken zu machen. Insofern hält die transkulturelle Arbeit der Psychiatrie überhaupt den Spiegel vor und erlaubt zu sehen, worum es auch sonst in der klinischen Arbeit geht. Derjenige unter den hoch bedeutsamen zeitgenös sischen Philosophen, der über Jahrzehnte hin das Fremde zum Kernthema seiner Forschungen gemacht hat, ist Bernhard Waldenfels. In besonderer Weise ist es ihm immer wieder gelungen, das Verhältnis von Eigenem und Fremden, den Unterschied zwischen Andersheit und Fremdheit, die «Topographie des Frem den» und den «Stachel des Fremden» (so zwei Buch titel) zu bestimmen. Wir sind dankbar dafür, dass er uns einen seiner Texte zur Verfügung gestellt hat. Die genauen Beobachtungen und Beschreibungen des phänomenologisch vorgehenden Philosophen erlau ben es, unsere psychiatrischpsychotherapeutische Haltung dem Fremden gegenüber zu überdenken und neu zu bestimmen. Flüchtling zu sein ist kein Wesensmerkmal von Men schen oder Kulturen. Es sind historisch sehr wandel bare Bedingungen, die Menschen dazu zwingen kön nen, ihre Heimat zu verlassen und aus unerträglichen Verhältnissen zu fliehen oder gehen zu müssen, weil sie aus der Heimat vertrieben werden. Die historische Analyse, die uns Dominik Sauerländer vorstellt, zeigt, dass um 1850 die Not in der Schweiz so gross war, dass schweizer Bürger und Bürgerinnen auszuwandern gezwungen waren. Die Verhältnisse können sich also auch umkehren: Wer heute anderen helfen und sie aufnehmen darf, kann gestern selbst die Anteilnahme anderer dringend nötig gehabt haben. Die geschichts wissenschaftlichen Forschungen sind für das eigene Selbstverständnis doch so wichtig, dass wir den un gewohnten Schritt unternommen haben, Resultate eines historischen (und nicht psychiatriegeschicht lichen) Projekts in unsere Zeitschrift einzubeziehen.
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