Scham als Problem der psychoanalytischen Theorie und Praxis
Author(s) -
D Strassberg
Publication year - 2004
Publication title -
schweizer archiv für neurologie und psychiatrie
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1661-3686
pISSN - 0258-7661
DOI - 10.4414/sanp.2004.01496
Subject(s) - philosophy
Die Scham kann den Kern beinahe jeder psychischen Störung bilden. Sie kann im Gewand der Depression, des Zwanges, der Persönlichkeitsstörung, der Angststörung, der Psychose, der Dysmorphophobie oder der Sucht auftreten. Die klinische Erfahrung legt sogar die Vermutung nahe, dass jede Agoraphobie, jede soziale Phobie und die allermeisten Panikstörungen im Grunde Schamerkrankungen sind. Dennoch wird sie in der psychiatrischen und in der psychoanalytischen Literatur kaum entsprechend gewürdigt. In den beiden gängigen Diagnosecodes, DSM-IV und ICD-10, wird die Scham für gewöhnlich der Angst subsumiert und nicht als distinkter Affekt behandelt. Als eigener Affekt erscheint sie nur gerade bei der sozialen Phobie. Im DSM-IV lesen wir, der Betroffene befürchtet, ein Verhalten (oder ein Angstsymptom) zu zeigen, das demütigend oder peinlich sein könnte ([1], S. 479), und das ICD-10 beschreibt die deutliche Furcht, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen oder sich peinlich oder erniedrigend zu verhalten ([2], S. 114). Das ICD-10 erwähnt schon bei der Agoraphobie die Scham nicht mehr, während das DSM-IV zumindest die Möglichkeit extrem peinlicher Symptome als angstauslösend für die Agoraphobie in Betracht zieht ([1], S. 464). Doch auch die psychoanalytische Literatur wird der Problematik der Scham häufig nicht gerecht. Nicht dass es an psychoanalytischen Arbeiten über die Scham mangeln würde; im Gegenteil, gerade in den letzten Jahrzehnten ist ihre Zahl beinahe ins Unermessliche gewachsen. Aber der Psychoanalyse ist qua Theorie ein Problem immanent, das es ihr verunmöglicht, die Scham adäquat zu begreifen. Wie Jacques Goldberg gezeigt hat, beruht das psychoanalytische System auf dem Ödipuskomplex und der sich daraus ergebenden grundsätzlichen Schuldhaftigkeit des Menschen [3]. Dies führt dazu, dass Scham in der Psychoanalyse entweder als entstellte Schuld [4] oder aber als frühkindliche und schwere Störung, die der Schuld vorausgeht, begriffen werden muss. Die Scham hinterlässt bei Analytiker2 und Analysanden häufig ein Gefühl ausgesprochener Ratlosigkeit. Die Übertragung und die Gegenübertragung werden häufig nicht, wie zu erwarten wäre, durch eine Wiederholung der Schamsituation geprägt, sondern viel eher durch eine Art emotionaler Sackgasse. Der Analysand erzählt von den Situationen, bei denen ihn die Scham überfällt, und erwartet mit Recht eine Antwort. Doch die Antwort bleibt häufig aus, denn dem Analytiker fällt schlichtweg nichts ein. Deutungen der Art: «Eigentlich schämen Sie sich für etwas anderes, als Sie selbst glauben», Deutungen also, die bei Schuldgefühlen gang und gäbe sind, verfangen eigentümlich wenig. Statt den therapeutischen Prozess in Gang zu bringen, verstärken sie lediglich die Ratlosigkeit. Unterstützende oder entlastende Bemerkungen auf der anderen Seite entspannen vor allem zu Anfang einer Therapie die Situation ein wenig, doch je länger sie sich wiederholen, desto schaler wirken sie und desto mehr wird ihr Verlegenheitscharakter deutlich. Was also tun? Sowohl die Psychoanalyse als auch der gesunde Menschenverstand geht von der Annahme aus, dass man sich für etwas schämt. Dieses Etwas,wofür man sich schämt,wird als Mangel oder als Defizit verstanden: Man schämt sich für unangemessenes Verhalten und für körperliche oder geistige Mängel. Es schämt sich, mit anderen Worten, wer sozialen, ästhetischen oder moralischen Normen nicht gerecht geworden ist oder nicht gerecht werden kann [5]. Dabei ist es für die Scham völlig unerheblich,ob dieser Mangel real oder lediglich fantasiert ist. Doch die tägliche Praxis legt eine andere Vermutung nahe. Die Scham der Patienten, die unsere Hilfe suchen, scheint keinen Inhalt zu haben. Die Menschen, denen wir begegnen, schämen sich für nichts. Natürlich versuchen die meisten Patienten sich (und uns) ihre Scham nachträglich zu erklären, wenn sie sich für diesen oder jenen Satz, den sie in Gesellschaft geäussert, für die Kleidung, die sie getragen haben, für ihre Nase, die zu lang, ihren Busen, der zu klein oder ihren Bauch, der zu dick sei, schämen. Doch braucht es für gewöhnlich wenig therapeutische Anstrengung, diese Schamquellen als nachträgliche Rationalisierung zu entlarven. Selbstverständlich gibt es jene Klienten, die unverrückbar an einem äusserlichen Faktum als Grund für ihre Scham festhalten − vor allem bei der Dysmorphophobie −, doch sind es gerade diese Fälle, bei denen der therapeutische Prozess oft kläglich versagt. Die Scham verbindet sich – dies die zentrale These dieser Ausführungen – mit keiner inhaltlichen Vorstellung, die sie begründen könnte. Traditionell psychoanalytisch würde dies mit der Verdrängung erklärt: Die schamauslösende Vorstellung (Kastration, narzisstische Verletzung usw.) ist der Verdrängung anheimgefallen und damit dem Patienten nicht mehr zugänglich. Ginge man von dieser Annahme aus, bestünde das therapeutische Vorgehen darin, diese Vorstellungen aus den Tiefen der Verdrängung zu befreien und dadurch unwirksam zu machen. Doch die klinische Erfahrung zeigt, dass gerade dieser Weg oft nicht gangbar ist. Anders als bei Schuldgefühlen, deren Inhalt zu Beginn der Therapie verborgen bleibt und erst im Laufe des psychoanalytischen Prozesses bewusst gemacht werden kann, liegt der Grund für die Scham zu Beginn der Therapie meist offen zutage und erweist sich im Laufe des Prozesses als plumpe Rationalisierung, ohne durch andere, adäquatere Vorstellungen ersetzt zu werden. Die Antwort auf dieses wie mir scheint drängende Problem des therapeutischen Alltags lässt sich nur auf dem Hintergrund einer Theorie der Scham geben, welche die eigentümliche Ratlosigkeit thematisiert. In einem kurzen Rückgriff auf die philosophische Tradition wollen wir versuchen, eine Hypothese zu gewinnen, die dieses Übertragungsgeschehen erklären könnte.
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