Osler wrde heute nicht rentieren
Author(s) -
Werner Bauer
Publication year - 2019
Publication title -
schweizerische ärztezeitung
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4004
pISSN - 0036-7486
DOI - 10.4414/saez.2019.18223
Subject(s) - computer science
In den Annals of Internal Medicine erschien kürzlich ein Artikel [1] unter dem Titel «Sir William Osler: Would He Have Made His Relative Value Units (RVUs)?», der mich beeindruckt hat, weil er zeigt, wie sehr sich das Ge wicht der verschiedenen Aspekte unserer ärztlichen Tätigkeit in den letzten Jahrzehnten verschoben hat. Osler war eine legendäre Arztpersönlichkeit. Er wurde 1849 in Kanada geboren und starb 1919 in England. Seine beruflichen Stationen waren die Ausbildung und erste Anstellung an der McGill University in Montreal, eine Professur für klinische Medizin an der University of Pennsylvania in Philadelphia, die Leitung des De partements für Innere Medizin am neu gegründeten Johns Hopkins Hospital in Baltimore und schliesslich die schon 1546 von König Heinrich VIII. geschaffene «Regius Professorship of Medicine» in Oxford. Über einstimmend wird er als hervorragender, sich sorgen der Arzt, als engagierter, fördernder Lehrer und inter essierter Wissenschaftler geschildert. Er ist Verfasser des Lehrbuches Principles and Practice of Medicine, das sechzehn Auflagen erlebte, und es sind von ihm viele Zitate überliefert [2], deren Grundgedanken auch heute noch erstaunlich aktuell sind, so zum Beispiel seine knappe, treffende Charakterisierung der Medizin: «Medicine is a science of uncertainty and an art of pro bability.» Auch sein Bekenntnis zum Stellenwert der Lehre muss heute immer wieder einmal in Erinnerung gerufen werden: «The work of an institution in which there is no teaching is rarely first class. It is, I think, safe to say, that in a hospital with students in the wards the patients are more carefully looked after, their dis eases are more fully studied and fewer mistakes made.» Der Autor ging den Arbeitsbedingungen und der Ar beitsweise von William Osler an seinen verschiedenen Wirkungsstätten nach und benutzte als Parameter die «relative value units (RVUs)», die heute in den USA dazu dienen, die Produktivität der Ärzte tarifwirksam zu erfassen. Ähnlich wie bei unserem Taxpunktsystem be inhalten sie drei Komponenten: «physician work», «prac tice expense» und zudem «malpractice expense» (!). Howard Weitz machte sich zunächst auf die Suche nach administrativen Unterlagen im Zusammenhang mit der Anstellung in Philadelphia und fand nichts: «I could not find a job description, contract or any other documentation that the university could have used to benchmark Osler’s productivity. Either this do cumentation has been lost or its absence is an example of how different our era is from Osler’s.» Mehr Informationen zu seinem Arbeitsalltag fanden sich in den Biographien von Osler. Er verbrachte die Vormittage meist auf zwei grossen Krankenstationen des Universitätsspitals, verliess dieses aber häufig am Nachmittag «by the back entrance» und begab sich ins «Old Blockley», das Armenspital von Philadelphia, wo er Patienten gründlich untersuchte, lehrte und auch (nicht verrechenbare) Autopsien vornahm. Er führte nur eine eingeschränkte, konsiliarisch orientierte Sprechstunde, für die er beispielsweise zwischen Fe bruar und Mai 1885 nur gerade zwei Rechnungen stellte. Sehr aktiv war er aber in den medizinischen Ge sellschaften, als Editor von Zeitschriften und als ärzt licher Lehrer. Der Verfasser des Artikels muss nicht lange rechnen und schätzen, um zum Schluss zu kom men, dass Osler niemals auf die heute vom CEO des Spi tals verlangten RVUs gekommen wäre. Wenn in Phila delphia bei seinem Wechsel nach Baltimore fast verzweifelt gefragt wurde: «We are about to lose Osler, and what in the world shall we do?», waren es nicht finan zielle Überlegungen, die eine Rolle spielten. H. Weitz hat einen originellen Artikel geschrieben, mit dem die Zeit natürlich nicht zurückgedreht werden kann, der aber die heutige Wertung der Leistung und der Produktivität in Frage stellt. Sein Fazit: «Now, 100 years since Sir William died, it is time we step back and refocus on what the real values of the master clinician educator should be: teaching, mentoring, collegiality, research, and care of the patient. If not, I fear that some one a century from now will look back on our era and ask, ‘Why did they allow it to happen?’.»
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