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Als Doktor Google und Doktor B. mir weiterhalfen
Author(s) -
Erica Brhlmann-Jecklin
Publication year - 2019
Publication title -
schweizerische ärztezeitung
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4004
pISSN - 0036-7486
DOI - 10.4414/saez.2019.17829
Subject(s) - philosophy , theology
Dass ich während des ganzen Jahres 2017 immer wieder von Übelkeit und einer ungewöhnlichen Mattigkeit heimgesucht werde, stecke ich weg. Es gibt ja auch gute Tage, manchmal sogar ein oder zwei gute Wochen. Eine Magenspiegelung bei meinem Gastroenterologen lässt ihn eine Laktoseintoleranz vermuten. Bloss nichts Neues, nicht auch noch Wanzen. Es soll doch bei den mir vertrauten und ins Leben integrierten Läusen und Flöhen bleiben. Dann die Grippe im Dezember. Am fünften Tag beschert mir ein tiefer Blutdruck einen Kollaps, und ab sofort beherrscht mich eine Übelkeit, die mir jegliche Nahrungsaufnahme verunmöglicht. Primperan soll es richten. Im nahe gelegenen Spital wird eine Diagnostik eröffnet, mein Innenleben akribisch untersucht, mit und ohne Kontrastmittel, mit und ohne PropofolKurzschlaf. Aber die Übelkeit bleibt. «In spätestens zwei Wochen werden Sie wieder gesund sein», so der leitende Arzt. «In die Hand versprochen?», frage ich. «Ja!» Ich sitze vor meinem Frühstück, meinem Mittagessen, meinem Nachtessen. «Nur ein wenig!», ermuntert mich mein Mann. «Es geht nicht», antworte ich. Mit der ‘Diagnose’ «Prolongierter viraler Infekt mit Begleithepatitis» und einem Primperan-Rezept werde ich in die Weihnachtstage entlassen. «Ich bin sicher», sage ich bei der Konsultation im Januar, spürend, dass da Hypothesen entstanden sind, die beigezogen werden, wenn objektiv nichts gefunden werden kann, «dass das nichts mit der Seele zu tun hat.» – «Tja!», meint der Arzt, verordnet eine noch gründlichere Blutuntersuchung und gibt mir einen weiteren Sprechstundentermin. Da sitze ich nun und warte, als er mich lachend in sein Sprechzimmer bittet: «Prolaktinämie! Sie haben also doch recht gehabt. Somatisch das Ganze!» Die fast achtfache Erhöhung des Hormonspiegels hinsichtlich Prolaktin lässt an ein Tumörchen am Hypophysen-Vorderlappen denken. Trotz Zweifel meinerseits – weshalb sollte ein erhöhter Prolaktinwert eine solche Übelkeit verursachen? – liege ich nun in der Röhre und weiss bereits, dass das MRI mit den Worten «ohne Befund» enden wird. Was bekannt und objektivierbar ist, wurde getan. Meine Recherche ergibt, dass das Primperan den Prolaktinspiegel erhöhen kann, wiewohl kaum in so astronomische Werte wie bei mir. Ich merke, dass der Arzt in seiner Ratlosigkeit wieder an die Seele denkt. Ich setze das Primperan ersatzlos ab. Dafür setze ich mich mit einer Endokrinologin in Verbindung und bekomme innerhalb von drei Tagen einen Termin. Am drittletzten Januartag schreibt mir die Ärztin: «Leider kann ich Ihnen nicht wesentlich weiterhelfen, glücklicherweise sind die Hormone in Ordnung [...] Ich habe Sie nur so rasch zwischenrein genommen, um sicher eine Nebennieren-Insuffizienz oder Hypophysenproblematik auszuschliessen, und das konnten wir erfreulicherweise. Die Notfalltermine diese Woche werden nun von anderen dringenden Patienten gebraucht.» Soll ich mich nun freuen? Oder doch nicht? Wäre eine klare Diagnose nicht einfacher als die Ungewissheit? Habe ich nun doch auch noch Wanzen? Aber wie heissen die? Bislang habe ich Doktor Google und jene Bloss nichts Neues, nicht auch noch Wanzen.

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