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Ist Leiden nicht Sache der Medizin?
Author(s) -
Hans Stalder
Publication year - 2019
Publication title -
schweizerische ärztezeitung
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4004
pISSN - 0036-7486
DOI - 10.4414/saez.2019.17421
Subject(s) - philosophy
Die Ärztekammer der FMH hat es abgelehnt, die Richt linien «Umgang mit Sterben und Tod» der Schweizeri schen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) in ihre Standesordnung aufzunehmen. Der Text schlägt den Begriff des «unerträglichen Leidens» als Einstiegskriterium für eine Diskussion um die Sui zidhilfe vor. Dieses Kriterium ersetzt das bisherige, das forderte, dass die Erkrankung des Patienten die An nahme rechtfertigt, dass das Lebensende nahe ist. Können wir Ärzte Leiden nicht mehr werten, wenn wir dem Patienten gegenüberstehen und fassen wir sol ches Leiden lieber in numerisch fassbare Begriffe? In der Tat messen wir Schmerz auf einer Skala von 1–10, behandeln Bluthochdruck, Diabetes und Hyperlipid ämie nach oft sehr komplizierten Algorithmen als be zifferbare Werte in mmHg oder mMol/l und sprechen in der Folge von non-compliance, wenn diese Werte nicht erreicht werden. Patienten, die uns in der Praxis aufsuchen, kommen jedoch nicht wegen erhöhten mMol oder mmHg, son dern weil sie leiden. Und seien wir ehrlich: Viele unse rer Handlungen basieren nicht auf bezifferbaren Kri terien, sondern auf Beschwerden. Wir ersetzen einen Femurkopf, weil der Patient unerträgliche Schmerzen hat, behandeln eine Prostatahypertrophie, weil der Pa tient zu viel Mühe beim Urinieren hat, erweitern eine Femoralarterie, weil beim Gehen immer wieder stehen bleiben zu müssen unerträglich wird und verschreiben Medikamente gegen Halluzinationen, wenn der Patient seine Wahrnehmungen nicht mehr aushält. Leiden ist zwar omnipräsent, und doch scheint es uns Angst zu machen, vor allem, wenn es unerträglich wird. Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass die Medizinliteratur abgesehen von einem ausgezeichne ten, bereits im Jahr 1982 erschienenen Text von Eric J. Cassel (1), nicht mit einem Überangebot an Artikeln zur Leidensthematik aufwartet. Erst ab 2002, als der Begriff des unerträglichen Leidens in der Euthanasie Gesetzgebung in Holland und Belgien ausdrücklich als Einstiegskriterium eingeführt wurde, begann die Ärz teschaft, darüber nachzudenken [2, 3, siehe auch 4], ganz so, als hätte die Vox populi – vertreten durch die Parlamentarier dieser Länder – die Ärzteschaft ge zwungen, sich erneut mit der Thematik zu befassen. Wie aber wird Leiden definiert? Cassel resümiert: «Suffering is experienced by persons, not merely by bodies, and has its source in challenges that threaten the intactness of the person as a complex social and psychological entity» [1]. Häufig ist nicht einmal der Schmerz die Ur sache. In einer qualitativen Studie mit Personen, deren Krebsleiden zuhause behandelt wurde und die nach Euthanasie verlangten, wurden Schwäche, Müdigkeit, Unwohlsein, Abhängigkeit oder Kontrollverlust weit aus häufiger als Grund für unerträgliches Leiden ange geben als medizinische Probleme [2]. Leiden hängt auch von der Vergangenheit der Betroffenen ab, von der Art, wie sie Probleme im Zusammenhang mit kör perlichem Verfall angehen, ihrer Lebenserfahrung, ih rem geistigen Leben, ihrer Kultur und natürlich auch von ihrer Umwelt. Persönlich bedaure ich, dass die Ärztekammer Zahlen als Entscheidungskriterium zur Bewertung einer Sui zidbeihilfe bevorzugt, nämlich die noch verbleibende Lebenszeit – sie ist übrigens auch nicht so genau ... – und nicht das Leiden, das zwar nicht in Messeinheiten ausgedrückt, vom Patienten jedoch vermittelt und von uns in vertieften und wiederholten Gesprächen nach vollzogen werden kann, wenn wir fähig sind, es zu hö ren. Die Bevölkerung in Holland, Belgien, Luxemburg und mehreren amerikanischen Bundesstaaten hat dies verstanden. Ihre Ärzteschaft hat das Leiden als Kriterium übernommen, sich dafür eingesetzt und da mit insgesamt gute Erfahrungen gemacht. Warum können wir es in der Schweiz nicht ebenso halten? Muss für uns auch das Parlament entscheiden? Sollten wir in diesen Zeiten der Digitalisierung, in denen alle alles messen wollen, nicht vielmehr wieder lernen, Nichtmessbares wahrzunehmen?

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