Vom «Zappelphilipp» zu den «Kindern, die aus der Reihe tanzen»
Author(s) -
Patrick Haemmerle
Publication year - 2018
Publication title -
schweizerische ärztezeitung
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4004
pISSN - 0036-7486
DOI - 10.4414/saez.2018.17015
Subject(s) - philosophy , political science
Während das Kinderbuch «Struwwelpeter», worin die Geschichte des zappeligen Philipp, der zum Namensgeber dieser Problematik geworden ist, gleichsam eine populäre Psychopathologie des Kindesund Jugendalters war, so ist das Buch, über das hier berichtet werden soll, ein Ratund Fachbuch, das sich nicht nur an Eltern, sondern an alle richtet, die mit Kindern zu tun haben, die anders sind. Während sich die «offiziellen Instanzen» der seelischen Gesundheit, also BAG und OBSAN, noch immer bemühen, verlässliche Daten zur Epidemiologie psychischer Störungen im Kindesund Jugendalter, bzw. die Inanspruchnahme kinderund jugendpsychiatrischer Dienste, zu erhalten, haben zwei wichtige Institutionen, Pro Mente Sana und Der Beobachter, die Initiative ergriffen und Kurt Albermann, eine n erfahrenen, sozialpsychiatrisch orientierten Kinderpsychiater, beauftragt, ein praxisnahes und allgemeinverständliches Buch über psychische Entwicklungsstörungen von Kindern und Jugendlichen herauszugeben: ein längst fälliges Buch! Im Einleitungskapitel «Seele in Not», vom Herausgeber selbst verfasst, werden grundlegende Fragen geklärt («Wie häufig sind psychische Störungen bei Kindern? Wen trifft es? Macht Stress unsere Kinder krank?»), wichtige Informationen vermittelt («Mein Kind wird abgeklärt – wie geht das? Ihr Kind hat eine psychische Störung – was tun mit dieser Information?») und hilfreiche Empfehlungen abgegeben («Ihre grösste Verantwortung: Reagieren, wenn Sie selbst belastet sind? Wie können Sie Ihr Kind schützen?»). Dabei wird der Akzent konsequent auf die Destigmatisierung psychischer Störungen gelegt: «Wir müssen lernen, darüber zu sprechen!» Korrespondenz: dr.haemmerlep[at]hin.ch Der 1. Teil skizziert in 25 Kapiteln eigentlich einen psychosozialen Entwicklungsweg mit Lebensetappen-typischen Klippen und Blockaden. Von «Baby, was ist los mit dir?» (Schrei-, Schlafund Fütterprobleme) bis zu «Nichts geht mehr» (depressive und bipolare Störungen) werden die wesentlichen Entwicklungsprobleme und psychischen Störungen von Minderjährigen beschrieben und Unterstützungsund Behandlungsmöglichkeiten erläutert. Von den Angststörungen geht es dann weiter über depressive Verstimmungen, zwanghaftes Verhalten und Tics zu den Schwierigkeiten im Erwerb der Kulturfähigkeiten – Lesen, Schreiben, Rechnen –, bis hin zu den «Intake/Output-Problemen»: also Essstörungen (Adipositas und Magersucht), Alkoholund andere Drogenabhängigkeiten, auch nicht Substanz-gebundene. Tatsächlich klagen viele zeitgenössischen Eltern über ihre Verunsicherung bezüglich der für ihre Kinder bekömmlichen Bildschirmzeit (Medien, Internet und Onlinespiele usw.), wofür sie hier gute Hinweise bekommen. Im «Output»-Kapitel präsentiert ein ausgewiesener Fachmann das Vorgehen bei Einnässen und Einkoten («Hilfe, mein Kind macht noch in die Hosen»). Es folgen aufschlussreiche Kapitel übers Schulschwänzen (Schulabsentismus: «Nein, ich gehe nicht in die Schule»), psychosomatische und somatopsychische Störungen («Immer Bauchweh») wie auch über Dissozialität («Impulsiv, aggressiv, delinquent?»). Im Kapitel «Die Tochter träumt, der Sohn ist wild – sind wir eine ADHS-Familie?» präsentiert Meinrad Ryffel kurz und konzis die heutzutage in der Öffentlichkeit sehr präsente Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, ADHS. Dem erfahrenen und spezialisierten Kinderarzt gelingt es gut, das Syndrom verständlich vorzustellen. Bei den Behandlungsmöglichkeiten hätte der Rezensent gerne gelesen, dass nebst der Pharmakotherapie mit Psychostimulanzien, der Verhaltens-, Familienund Gruppentherapie auch weitere Ansätze hilfreich sein können, etwa die psychodynamisch orientierte Spieltherapie, die durchaus auch ihren (Evidenz-basierten) Wert hat. Auch wenn der Autor des Kapitels ein erfahrener Kinderarzt und ausgewiesener ADHS-Spezialist ist, hätte es der Problematik HORIZONS Notes de lecture 1127
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