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Enttäuschung und Versagen
Author(s) -
Peter Marko
Publication year - 2018
Publication title -
schweizerische ärztezeitung
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4004
pISSN - 0036-7486
DOI - 10.4414/saez.2018.06533
Subject(s) - medicine , psychology
Die Leiterin unseres Hospizdienstes fragte mich, ob ich zu einer Frau schauen könne, die im Endstadium eines Lungenkrebses mit Metastasen ihre letzten Tage in ei nem Altersheim verbringe. Ich wusste nicht, wie viel Zeit ich für den Weg in die Gemeinde unweit von uns benötige, und so stand ich am nächsten Tag, etwas früher als angegeben, vor einem stattlichen, drei stöckigen, schönen, alten, solitären Haus und hatte ge nug Zeit zu sinnieren, wozu es früher dienen konnte. Gebaut noch in einer Zeit ohne Hotels und Fabriken, war es für ein Patrizierhaus zu schlicht und für eine Schule dieses Dorfes, falls es sie damals überhaupt schon gab, zu gross. Nachdem ich durch den alten, einfa chen Eingang ins Haus kam, wurde ich nicht schlauer. Niemand war da, und so suchte ich alleine das Zimmer der Patientin. Ich ging neben vielen alten Türen mit den Namen der Bewohner dieser offensicht lich kleinen Räume, die als Schulklassen sicher unge eignet waren. Im letzten Zimmer im obersten Stock sass die Frau auf dem Bettrand mit einer aufgesetzten Sauerstoffbrille. Im Vorraum summte der Apparat für die Anreicherung des Sauerstoffs. Sie hatte Besuch von einer Freundin, die sich aber bald verabschiedete. Das Zimmer war ohne die warmen Täferwände, die ich in den Gemeinschaftsräumen im Erdgeschoss sah und in den anderen Zimmern vermutete. Schlicht und not dürftig war es eingerichtet: Ausser dem verstellbaren Bett und dem auch verstellbaren Tischchen, zwei Stüh len und einem Sessel guckte nur ein grosser Bild schirm aus der Ecke hervor. Ich hatte den Eindruck, dass alles, ausser dem Koffer am Boden, dem Alters heim gehörte. Ich sah keinen persönlichen Gegen stand, kein Bild, kein Foto. Bald kam der Pfleger, froh, dass er mich bei der Patientin entdeckte, und fragte, ob wir Lust auf Kaffee hätten. Er brachte nicht nur Kaffee, sondern auch Kuchen. Weder er aus einem Nachbar

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