Ärztliche Bildung: E-Bildung?
Author(s) -
Werner Bauer
Publication year - 2017
Publication title -
schweizerische ärztezeitung
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4004
pISSN - 0036-7486
DOI - 10.4414/saez.2017.06150
Subject(s) - bildung , philosophy , humanities
«Mir scheint es, dass das Internet und die Social Media eine Welt, in der es früher Erwachsene und Kinder gab und in der ganz klar die Erwachsenen den Takt vor gaben, in eine universale Schulcafeteria für Vierzehn jährige verwandeln. Eine Welt, in der es niemanden schert, wer oder wie Du wirklich bist: Was zählt, ist dein Image, und das höchste Ziel ist es, möglichst viele Likes zu sammeln.» Bevor ich mit dem Schreiben dieses Editorials begann, stiess ich in der NZZ (14.10.17) auf diese Aussage des Schriftstellers Jonathan Franzen. Franzen ist beileibe kein hinterwäldlerischer Gegner der Informatik, aber er erspart uns nicht die grundsätzlichen Gedanken darüber, wie der Mensch als Nutzer mit den grenzenlos anmutenden digitalen Möglichkeiten umgehen soll. Bei seinen Überlegungen greift er weit zurück auf prophetische Gedanken von Karl Kraus: «Wir waren kompliziert genug, um die Maschine zu bauen, und wir sind zu primitiv, uns von ihr bedienen zu lassen.» Es geht ihm um die Frage, ob die Botschaft aus Silicon Valley «We’re making the world a better place» für die Entwicklung der Menschheit und der Menschlichkeit zutrifft oder unter welchen Bedingungen sie zutreffen könnte. Damit sind wir mitten in der Thematik des diesjäh rigen MedEd Symposiums (Bericht in dieser Ausgabe S. 1396), das sich mit der Bedeutung digitaler Tech nologien für die ärztliche Bildung auseinandersetzte. Es ging darum, inwieweit die Informatik mit all ihren Optionen für die Medizin in die Lernzielkataloge aufgenommen werden muss und inwieweit sie im Rahmen von Blended-Learningund SimulationsPro jekten für die Weiter und Fortbildung genutzt werden kann. Die Referenten waren sich einig: Wir befinden uns mitten in einem schnellen Entwicklungsschub, der es zurzeit schwierig macht, das Nutzbringende und Bleibende von den technologischen Eintagsfliegen zu unterscheiden. Sicher ist, dass sich die berufliche Tätigkeit von Ärzten und der Patientenkontakt verändern werden. Berufs bilder werden sich verschieben: Bedarf an Radiologen oder Pathologen zum Beispiel wird es immer geben, aber die primäre morphologische Analyse der Aufnah men oder Präparate wird durch einen Computer erle digt werden. Die Riesendatenbanken, die künstliche Intelligenz, die Monitoring und Robotersysteme − sie alle werden in dem Sinne genutzt werden müssen (und das will gelernt sein!) wie es von den Referenten for muliert wurde: Als Werkzeuge, welche die mensch lichen Möglichkeiten nicht ersetzen dürfen, sondern erweitern können. Eine Referentin formulierte es prä gnant: «We need training how to work with the arti fi cial intelligence system: when to trust an algorhythm, when to trust the own intuition and asking the right questions.» Auch bei der Nutzung elektronischer Medien für Aus bildungszwecke stecken wir in einem Entwicklungs prozess. Noch vor kurzem wurde das ELearning, die stumme Zwiesprache mit dem Computer im Kämmer lein oder in der Bibliothek, als die Zukunft der Vermitt lung von Lerninhalten angesehen – günstig, standardi siert, zeitlich und örtlich wählbar. Inzwischen sind sich die Praktiker ärztlicher Bildung weitgehend einig, dass das reine ELearning den Präsenzunterricht nicht ersetzen, sondern nur ergänzen kann. In der Medizin geht es eben fast immer nicht nur um das reine Ver mitteln von Fakten. Fragestellungen müssen diskutiert und priorisiert werden, die Kommunikation spielt oft eine entscheidende Rolle und so heisst der neue di daktische Favorit «blended learning», die Sequenz von virtuellen und Präsenzphasen. Der Umgang mit der Informatik und die kluge Nut zung ihrer Möglichkeiten müssen bei den Verantwort lichen für die ärztliche Bildung hohe Priorität erhal ten. Ja, und da war noch etwas: In einem überzeugenden Referat zerpflückte Gerd Gigerenzer die ungenügende Kompetenz vieler Ärztinnen und Ärzte bei der Analyse statistischer Evidenzen und beim Durchschauen von irreführenden Berichterstattungen über Studien re sul tate. Überlebens und Mortalitätsraten, relative und absolute Risiken, bedingte Wahrscheinlichkeiten und natürliche Häufigkeiten sind Begriffe, die nicht nur im berühmten Buch mit den sieben Siegeln stehen soll ten, sondern im Hinblick auf die immer wieder not wendigen Entscheidungen unter Unsicherheit von den Ärzten verstanden werden müssen. Nur so bleiben sie kompetente Berater für ihre Patienten.
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