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Wie zwei Freunde
Author(s) -
Wie Zwei,
Freunde Benedikt,
Locher Medizinstudent
Publication year - 2017
Publication title -
schweizerische ärztezeitung
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4004
pISSN - 0036-7486
DOI - 10.4414/saez.2017.05975
Subject(s) - medicine
7.31 Uhr, draussen lässt der Nebel den Schnee an den Bäumen des ländlichen Berner Vororts zur Tarnung werden. Wie an beiden Tagen zuvor treffen Dr. C. und ich uns vor Arbeitsbeginn in der schmalen Pufferzone zwischen unseren Behandlungsräumen. Ich wärme mich an der Kaffeetasse, während er mich über den bevorstehenden Patienten ins Bild setzt: Mich erwartet Herr H., ein 28-jähriger Mann, Dr. C. kennt ihn schon seit einigen Jahren. Die Spitex hat ihn für die Sprechstunde angemeldet – er habe etwas Aussergewöhnliches am Fuss. Sofort greift Dr. C. zum Laptop und zeigt mir voller Enthusiasmus Beispiele für Fussund Nagelpilz. Ich stelle meinen Kaffee weg. Im Patientendossier steht, dass Herr H. seit Jahren an katatoner Schizophrenie leidet. Ich ziehe den Laptop zu mir und lese, dass es bei katatoner Schizophrenie unter anderem zu Körperstarren kommt, welche von Zeit zu Zeit mitten in der Bewegung auftreten. Wie das genau aussieht, weiss ich nicht, doch ich verstehe nun, weshalb Herr H. von der Spitex angemeldet wurde. Mit der Patientenakte bewaffnet und Bildern von Fusspilz vor dem inneren Auge betrete ich das Untersuchungszimmer. Herr H. hat sich den Stuhl ausgewählt, der nahe beim Tisch steht, und von diesem schreckt er auf, als ich durch die Türe trete. Ich strecke meine Hand zum Gruss aus und warte etwas länger als gewöhnlich, bis sie nach einigen zittrigen Umwegen von Herrn H. gefunden wird. Vor mir steht ein zwei Meter grosser Mann mit breiten Schultern. Ich erwarte einen entsprechend knochenzermalmenden Händedruck, doch dieser bleibt aus. Stattdessen streift die schweissige Innenseite seiner Hand die meine während eines Sekundenbruchteils, bevor sie ruckartig zurückgezogen wird. Ich reagiere auf seinen erwartungsvollen Blick und bitte ihn abzusitzen. «Ja! ääh ...» kommt es, wie aus der Pistole geschossen, und Herr H. schaut sich stotternd nach dem Stuhl um. Er klammert sich an die Seitenränder der Sitzfläche, sein Kopf ist leicht gesenkt und die Augen suchen den Boden mit hohem Tempo ab. Nervosität? Doch ich denke mir, dass dieses Verhalten auch bloss Ausdruck der katatonen Schizophrenie sein könnte. Herr H. deutet auf seinen Fuss. «Ich habe da etwas a–» Mitten in Satz und Geste erstarrt er. Es vergehen zehn Sekunden, in denen er beinahe regungslos auf seine Füsse zeigt. Einzig ein Stottern ist zu hören und es scheint, als kämpfe er innerlich nicht nur mit den Worten, sondern auch gegen die Starre an. Ich frage mich, wie und ob ich ihm helfen kann, doch ich bin ratlos und beschliesse abzuwarten. Dann plötzlich, als hätte jemand den Film weiterlaufen lassen, spricht er weiter: «an meinem Fuss.» Er erzählt mir, dass vermutlich das Klettern schuld sei. Seine Kletterschuhe seien sehr eng. Er gehe oft klettern und es gefalle ihm sehr. In einer Kletterhalle in der Nähe, erklärt er mir auf mein Nachfragen hin. Ich muss oft nachfragen, denn er erzählt wenig von sich aus. «Ein verschlossener Mensch? Oder bloss nervös?», frage ich mich. Er stottert zwar zwischendurch und verhaspelt sich mehrmals, doch er formuliert präzise und wirkt aufgeweckt. Trotzdem ist das Gespräch ein Prozess von mehreren Minuten, denn er wird immer wieder nach wenigen Worten von einer Starre unterbrochen. Danach sprudelt der Rest des Satzes jeweils nur so aus ihm heraus – als befürchte er, das Angestaute nicht vor der nächsten Pause loswerden zu können. Seine Hände untermalen das Gesagte dabei mit ruckartigen, nervösen Gesten. Es wird klar, dass ein ausführliches Anamnesegespräch schwierig werden könnte, und ich bitte Herrn H. deshalb, erst einmal seine Schuhe auszuziehen und mir seine Füsse zu zeigen. Diese feinmotorische Heraus-

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