Wenn Frauen Arzt sind, sind Arzt Frauen – von frühen Irrungen
Author(s) -
Enrico Danieli
Publication year - 2017
Publication title -
schweizerische ärztezeitung
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4004
pISSN - 0036-7486
DOI - 10.4414/saez.2017.05970
Subject(s) - medicine , gynecology
Dies alles war damals ein wenig kompliziert, und, da ich mit dem Verstand, der mir zur Verfügung stand, die Si tua tion, die mich beschäftigte, nicht entschlüsseln konnte, verhedderte ich mich umso mehr – und oft umso lusti ger für die anderen – in zweideutige Fragen oder Aussa gen. Das alles begann so: Die Arzt Frau, die in unserem Haus wohnte und noch vor meiner Zeit einen Arzt zum Mann hatte, danach aber allein blieb und ihrem Beruf als Bibliothekarin wieder nachging, wurde stets mit «die Frau des Arztes» oder kürzer mit «Arztfrau» bezeichnet. Das kam mir ein wenig seltsam vor, weil sie den Doktor, den sie gar nicht mehr hatte, doch noch hatte. Ging mein Vater zum Arzt, ging er zum Hausarzt. Zu einem Arzt des oder unseres Hauses. Danach fragte ich am Mittagstisch: «Geht es dem Haus nicht gut?» Mit Verzögerung setzte das Lachen ein. Das sei nicht, wurde mir erklärt, der Arzt des Hauses sondern des Vaters Hausarzt. Das verstand ich nicht, der Vater war doch kein Haus. Aber das behielt ich für mich. Ausgelacht werden (wie in jener Zeit oft) ist, wie mit Splittermunition beschossen werden: Verwun dungen bleiben zurück. Und die nächste, grosse Ver wirrung folgte. Häufig hatte meine Mutter in jener Zeit einen speziellen Arzt aufzusuchen. Der hiess Frauen Arzt. Oder, wie ich es mir zurechtlegte, Frau Arzt. Ein Arzt, der eine Frau ist, nein, besser: eine Frau, die ein Mann ist. Die Heiterkeit, die meine ent sprechenden Aussagen auslösten, schmerzten mich. Ich verstand es nicht besser, doch niemand wollte Erklärun gen geben. Oder, genauso wie die Nachbarin, eine Frau mit einem Arzt als Mann, den es nicht gibt. Ja, das war auch möglich. Oder bedeutete Frauen Arzt, dass mehrere Frauen ein Arzt sind? Wiederum seltsam, das schon. Et was war mir unheimlich, doch ich konnte es nicht in Worte fassen. Und warum gab es keinen Mann Arzt? Weil alle Ärzte Männer sind, braucht es keine Männer Arzt. Wenn aber eine Frau Arzt ist, dann, wegen der Rarität, musste dies entsprechend meiner nicht ausgereiften Lo gik bekanntgegeben werden. Ich hatte tatsächlich ein Durcheinander mit diesen Dingen in meinem Kopf, das mich bedrängte, das ich nicht verstand und das zu ent schlüsseln mir nicht gelang. Dass dann der Frau Arzt meiner Mutter Herr Doktor Wiederkehr hiess, gab mir noch mehr Gelegenheit, mich in meinen wiederkehren den Gedanken zu verlieren. Ich verstand nicht nur dieses mit den Frauen und Arzt nicht, sondern – vielleicht als Folge davon – auch vieles andere. (Wegen meines seidig gelockten Haares durfte ich dieses nackenlang tragen, was immer wieder zur Frage führte, ob ich denn ein Mädchen sei: überdrüssig der steten gleichen Frage und mit einer für mich, der ich das «r» in meinem Namen nicht beherrschte, nachvollziehbaren Reaktion, antwor tete ich laut und bestimmt: Anna – natürlich war das falsch, aber gleichzeitig ein Akt von Befreiung in diesem ganzen MannFrauDurcheinander.) Nicht nur die Mut ter benötigte in jener Zeit der Frauen Arzt Hilfe, auch ich, wegen meiner häufigen Anginen mit Gelenkschmerzen, brauchte den Arzt, selbstverständlich den Kinderarzt. Sind denn, fragte ich in meinem Bett liegend, nur Kinder der Arzt für Kinder? (Ein Gedanke, der mir gefiel, und der mir nachvollziehbar schien.) Jetzt wurde ich ausgelacht, das Fieber gemessen, und dieses war der Grund meiner Irrungen. Der Kinderarzt kam wegen meines hohen Fie bers nach Hause. Dann war er, im Grunde genommen,
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