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Vertrauen aus psychotherapeutischer und neurobiologischer Sicht
Author(s) -
Joachim Küchenhoff,
Kyrill Schwegler,
Psychiatrie Baselland,
Direktor Erwachsenenpsychiatrie
Publication year - 2017
Publication title -
schweizerische ärztezeitung
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4004
pISSN - 0036-7486
DOI - 10.4414/saez.2017.05746
Subject(s) - political science , philosophy
Vertrauen ist nicht lediglich eine vorübergehende Ge stimmtheit. Es ergibt sich aus einem Prozess, der schliesslich eine komplexe, emotional gefärbte Welt, mit den für sie charakteristischen Elementen wie Ge borgenheit, Wärme, Akzeptanz, Liebe usw., eröffnet. Eine Welt entspannter Sicherheit, welche jedoch los gelöst von menschlicher Beziehung nicht denkbar ist. Vertrauen lässt sich als spezifische Gefühlshaltung – als affective attitude – charakterisieren, welche im Ver lauf durch eine cognitive attitude, d.h. eine bewusst wahrnehmende und denkerische, vielleicht auch ziel strebige Haltung ergänzt wird. Zum Vertrauen gehört das Nebeneinander von gefühlsmässiger Sicherheit («ich vertraue ihr») und bewusster Einsicht des Den kens («ich weiss, dass ich ihm vertrauen kann»). Beide amalgamieren sich zu dem, was wir mit Vertrauen um schreiben. Um zu vertrauen, muss ich Wissen haben. Aber Wissen alleine reicht nicht aus. Das Vertrauen muss auch emotional verankert sein. Vertrauen entwickelt sich unter der Beobachtung des kritisch abwägenden Auges der Ratio dergestalt, dass der Entschluss, ob nun ver oder misstraut werden soll, situationsadäquat und im Sinne der Beziehung fair fallen kann. Die Entwicklung kann allerdings in die eine oder die andere Richtung polarisiert werden! Dies sind Szenarien, die sich in der Beziehung zwischen Patient und Arzt sehr dramatisch auswirken können. Man denke etwa an das grosse Vertrauensbedürfnis des plötzlich schwer körperlich Erkrankten oder an das systematische Misstrauen eines paranoiden Menschen. Das vorschnelle Schenken von Vertrauen oder ein ungeprüftes Misstrauen können die Funktion haben, eine schwer erträgliche Situation, geprägt von Angst, Unsicherheit, Ambivalenz, Selbst und Fremdzweifel, zu neutralisieren. Die scheinbare, fragile, aber den noch beruhigende Eindeutigkeit wird rasch her gestellt, auch wenn sie einem Vorurteil entspringt. Dadurch wird der anstrengende Aushandlungsprozess vermie den. Das seelische Gleichgewicht wird vorerst wieder erreicht, die Chance aber, echtes Vertrauen zu bilden, ist für den Moment vergeben.

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