Über Subito-Medizin
Author(s) -
Eberhard Wolff
Publication year - 2017
Publication title -
schweizerische ärztezeitung
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4004
pISSN - 0036-7486
DOI - 10.4414/saez.2017.05603
Subject(s) - philosophy
Ausziehen, abtrocknen und aufwärmen. Damit begann im 18. Jahrhundert gewöhnlich die Wiederbelebung Ertrunkener. Festgehalten etwa in Tissots Bestseller von 1761 [1]. Erst danach warme Lu in den Körper blasen. Nicht um zu «beatmen», sondern um die Säe wieder iessen lassen. Im Rahmen der medizinischen Konzepte der Zeit machte all das Sinn. Damals etablierte sich die Idee einer systematischen Rettung von Verunfallten [2]. Von «Sofortmassnahmen» lesen wir bei Tissot allerdings noch nichts. Die Vorstellung, dass Geschwindigkeit auch Leben bedeuten kann, wuchs damals in der Medizin erst langsam. Die Rettungstafel des Görlitzer Arztes Christian August Struve für Ertrunkene von 1799 [3] tönt schon anders: Man solle den Ertrunkenen «schnell» aus dem Wasser holen, «eilends» ins nächste Haus bringen und «geschwind» ausziehen. Ansichten über Geschwindigkeiten und Dringlichkeiten sind oensichtlich relativ und wandelbar. Im letzten halben Jahr ging es in dieser Zeitschri mehrfach um das «Sofort» bzw. das «Subito» in der medizinischen Praxis. Es hiess pauschal, halbwissende und technikgläubige Patientinnen und Patienten hätten heute eine «Subito-Mentalität», wollten «subito» Termin und Diagnose, glaubten an ein Recht, «subito» wieder gesund zu sein [4]. Wer im Deutschen das italienische «Subito» verwendet, meint etwas Forderndes, Drängendes, moralisch Aufgeladenes oder Fragwürdiges. Aha. «Subito» als etwas Problematisches. Ich gestehe hiermit öentlich, dass ich «Subito»-NotfallAbteilungen für mich oder meine Kinder häu£ger genutzt habe, als es unbedingt notwendig gewesen wäre. Vor allem an Wochenenden. Am Montag einen Arzt mit Termin zu £nden, wäre mühsam gewesen und hätte den beruichen und familiären Lebensplan durcheinander gewirbelt. Vielleicht bin ich da auch mal wie einer dieser nervigen Patienten erschienen, die es so sicher gibt wie die nervigen Ärzte. Aber sind die wachsenden Patientenströme im Notfall etc. Ausdruck der um sich greifende Unart einer problematischen «Subito-Mentalität»? Nein. Ich verstehe mich und viele andere Patienten als Teil einer Gesellscha, die anders leben kann, will und muss als vielleicht vor fünfzig Jahren: nicht nur schneller, auch situa tiver, vernetzter, geforderter. Natürlich hängt dies mit der Digitalisierung zusammen. E-Mails kommen subito an. Die Antwort bisweilen auch – z.B. von meinem Chefredaktor, selbst spät am Abend. Manchmal aber auch später. Flexibel und situativ eben. Immer weniger Menschen setzen sich um halb acht vor die Tagesschau. Sie holen sich, was sie sehen wollen, jederzeit spontan aus dem Internet. Ich auch immer häu£ger. Die Medizin ist da keine Ausnahme. Früher musste man auf das Röntgenbild warten. Heute liegt es sofort auf dem Server. Die Sauerstosättigung erfahren wir «in Echtzeit». Mein Internist teilt mir meine Blutfettwerte kurz nach dem Pieks mit. «Sofort-Medizin» ist e©zient, nicht nur bequem – für ihn ebenso wie für mich. Auch der Patientendurchlauf ganz normaler Praxen funktioniert nur, weil alle in der Regel «subito» das tun, was ansteht. In den letzten Monaten wurde in dieser Zeitschri auch das «Lean Management» als Zukunsvision von Spital und Praxis diskutiert [5]. Dabei geht es um E©zienz, auch was die Zeit betri¬: Keine Leerläufe. Im «Lean Hospital» sollen auch die Patienten nicht lange warten. Wir wollen ja zufriedene Patienten. Aha. «Subito» als etwas Zukunsweisendes. Aber was jetzt? Wann ist das Sofort ein Problem, wann ist es die Lösung? Ist es etwa davon abhängig, wer die Parole ausgibt – ausgeben darf? Für mich grei es genauso zu kurz, wenn wir «Subito» einfach nur als Errungenscha feiern, als auch, wenn wir es pauschal als Bequemlichkeit oder Anspruchshaltung anprangern. Wir kommen weiter, wenn wir «Sofort-Medizin» in einem ersten Schritt als Teil unseres Lebens verstehen, so, wie die Zeit-losigkeit von Tissot eben Ausdruck seiner Epoche war. Dann verstehen wir vielleicht auch besser, warum sich in Zukun wohl der Markt für «Slow-Med» entwickeln oder besser: ausdierenzieren wird. Denn Ansichten über Geschwindigkeiten und Dringlichkeiten sind relativ und wandelbar. Und wäre Tissot nicht zwei Jahre vor Struves Rettungstafeln gestorben, vielleicht hätte er sich über die ganze Subito-Mentalität bei der Wiederbelebung Ertrunkener genervt.
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