z-logo
open-access-imgOpen Access
Personalisierte Medizin vs. personalisierte Medizin
Author(s) -
Hans Stalder
Publication year - 2017
Publication title -
schweizerische ärztezeitung
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4004
pISSN - 0036-7486
DOI - 10.4414/saez.2017.05544
Subject(s) - medicine
Die personalisierte Medizin ist ein neuer Trend, dem – so die Befürworter – unbedingt gefolgt werden sollte. Dabei geht es darum, das individuelle Profil des Patien ten bis hin zur genetischen bzw. molekularen Struktur kennenzulernen, um so gezielt behandeln oder auch künftigen Erkrankungen vorbeugen zu können. Dieser Ansatz hat sich in bestimmten Bereichen als vielver sprechend erwiesen. So lassen sich beispielweise durch die Ermittlung genetischer Veränderungen bei der Be handlung von Tumoren die Medikation entsprechend einstellen und unnötige, potenziell riskante Therapien vermeiden. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind reale klinische Vorteile jedoch eher selten [1]. Personalisierte Medizin ist der ultimative Ausdruck des linearen Denkansatzes, der die Medizin in den letz ten Jahrzehnten zu beeindruckenden Fortschritten ge führt hat. Dieses Bestreben, bis auf primäre Determi nismen stossen zu wollen, erscheint jedoch kaum gerechtfertigt bei den zur Zeit häufigsten Erkrankun gen, wie Arteriosklerose, Diabetes oder Bluthoch druck, wo eine Vielzahl unterschiedlich aktiver Gene und das Umfeld oder persönliches Verhalten eine do minante Rolle spielen. Bislang wurde nicht bewiesen, dass die Genanalyse besser ist als eine Bestimmung der Lipide bei der Prävention von Arteriosklerose oder eine gute Familienanamnese, um multigenetische Erb krankheiten zu eruieren. Das Erstellen genetischer Profile zur Prävention dieser Erkrankungen bei gesun den Personen ist abwegig, denn diese Profile sind ex trem unsensibel und unspezifisch und weisen somit eine hohe Rate falsch positiver und falsch negativer Werte auf. Der Unsinn solcher genetischen Analysen wird umso evidenter angesichts der Tatsache, dass ihre Enthüllung offenkundig nichts am Verhalten ändert [2]. Sie führen nur zu unnötigen Ängsten bei den be troffenen Patienten und bereichern die Taschen der entsprechenden Labors. Zudem ist es wichtig, zu realisieren, dass Detailkennt nisse an sich niemals ausreichen, um die Komplexität eines Individuums zu rekonstruieren. Vor diesem Hin tergrund ist dieser Ansatz wohl kaum «personalisiert» zu nennen. Möglicherweise verwenden einige Autoren daher lieber den Begriff «Präzisionsmedizin». Für den Hausarzt bedeutet der Begriff «personalisierte Medizin» etwas ganz anderes. Personalisierte Medizin steht für eine auf den Patienten zentrierte Qualitäts medizin. Sie gründet auf der Beziehung zum Patienten und Empathie. Beides lässt sich nicht quantifizieren. Wenn wir den Patienten aber nur in seiner Ganzheit betrachten und zugrunde liegende Biomechanismen ausser Acht lassen, ist dies jedoch genauso gefährlich wie die alleinige Fixierung auf Laborwerte, wie präzise diese auch immer sein mögen. Diese Doppelbedeutung der personalisierten Medizin erinnert mich an die Unterscheidung, die vor etwa zwanzig Jahren in Bezug auf Internisten und Allge meinmediziner getroffen wurde, als die Idee aufkam, die Innere und die Allgemeine Medizin zusammenzu führen. Internisten waren damals karikiert als Intel lektuelle mit Schlips, die vor der Therapie in linearem Ansatz alle biologischen Details des Patienten in Erfah rung bringen wollten, während die Allgemeinmedizi ner als einfach gestrickte Praktiker galten. Die Organi sation einer gemeinsamen Generalversammlung der beiden Fachgesellschaften, um aufzuzeigen, dass diese Clichés absolut nicht der Realität entsprechen und beide im Grunde dieselbe Medizin praktizieren [3], führte zu nichts. Erst nach zwanzig Jahren frustrieren der Diskussionen kam es dann (endlich!) zum heutigen Zusammenschluss. Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die personalisierte Medizin im doppel ten Wortsinn – also eine präzise Erfassung der Be schwerden unserer Patienten im Verbund mit der Be rücksichtigung der individuellen Komplexität – eine grosse Herausforderung ist und bleibt!

The content you want is available to Zendy users.

Already have an account? Click here to sign in.
Having issues? You can contact us here
Accelerating Research

Address

John Eccles House
Robert Robinson Avenue,
Oxford Science Park, Oxford
OX4 4GP, United Kingdom