Autorität und ihre Legitimierung – ein schwieriges Thema
Author(s) -
Jean Martin
Publication year - 2015
Publication title -
schweizerische ärztezeitung
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4004
pISSN - 0036-7486
DOI - 10.4414/saez.2015.03335
Subject(s) - political science , philosophy
In den letzten Jahrzehnten versteht sich Autorität (von Personen oder Institutionen) nicht mehr von selbst, sie wird in Frage gestellt bzw. «ist gar nicht mehr da». Der Philosoph Robert Damien widmet diesem Thema ein Buch [1]. Er unterstreicht die etymologische Bedeutung des Begriffs Autorität, der Fähigkeit, sich zu erhöhen, ge meinsam mehr und besser zu sein. Robert Damien: «Wir erleben keine Autoritätskrise, sondern eine Krise der Autoritäten. In der Demokratie gibt es eine Vielfalt an Autoritäten. Sie sind legitim, definieren unsere Zuge hörigkeit, stehen jedoch in Konkurrenz zueinander. In dieser Hinsicht müssten wir zu einem ‹kohärenten Plu ralismus› gelangen.» Eine grosse Herausforderung: «Wie können wir mehrere und doch gleichzeitig nur einer sein? Wie gleichzeitig konventionell und ökologisch, Franzose – oder Schwei zer – und Europäer, international und national? Wir er leben gerade eine Krise der Idealisierungen, der symbo lischen Glaubenswerte, die unserer Geschichte ein Gesicht geben.» Gleichzeitig tauchen mit der digitalen Revolution und der Macht der Medien zwei neue Phäno mene auf. Die Macht der Medien bereitet der mehr oder weniger «sanften Diktatur», die heute von der öffent lichen Meinung ausgeübt wird, den Weg. Ein echtes Thema auch in der Schweiz, wo einige die Sakralisie rung einer sich nie irrenden Vox populi betreiben ... [2]. Dabei wird vergessen, wie riskant es ist, Fragen, die so komplex und mit anderen Themen verknüpft sind, dass es für eine richtige Meinungsbildung unabdingbar ist, sich vorab ausreichend informieren und diskutieren zu können, einer allgemeinen Abstimmung zu unterzie hen, die sich nur in Schwarz und Weiss, mit Ja oder Nein entscheiden lässt. Dafür geeignet sind Parlamente. Damien: «Wir leben eine antiautoritäre Tradition, in der sich Freiheit in der Fähigkeit ausdrückt, selbstbestimmt und ohne Verpflichtung gegenüber Dritten entscheiden zu können. Autorität wird jedoch oft auch mit ihrem Missbrauch verwechselt. Dabei hat sie ohne Respekt und Reziprozität keinen Bestand. Unabhängig davon, wie eine Gruppe in Grösse oder Intention geartet sein mag, so müssen doch jene, auf die Autorität ausgeübt wird, in ihrer Bindung zur Autoritätsgruppe das Gefühl haben, erhöht zu werden, zu wachsen [...]. Wie also ist der Werteverlust im Zusammenhang mit einer legiti men Autorität zu sehen?» Auf Dostojewskis Grundsatz frage «Vor wem sollen wir uns beugen?» antwortet Da mien: «Vor einer brüderlichen Mehrheit, die mir erlaubt, mich zu entwickeln, ohne dabei meine Interessen zu verletzen und die mir dabei immer die Freiheit der Kri tik lässt.» Der Philosoph in der Rolle des Herrscherberaters: «Je der (auch die Autoritätsperson) ist ein Suchender in der Ungewissheit und muss zu seiner Entwicklung die Meinung Dritter hören. Zur Entwicklung dieser legi timen Autorität braucht es Qualitäten wie gebildete Intelligenz, Urteilsvermögen und konsequente Konti nuität. Diese Qualitäten erwerben sich durch die Be gegnung mit anderen Standpunkten.» Letzteres ist un abdingbar. «Ich spreche hier von einer ‹Ästhetik/Ethik› der Autori tät und meine damit, dass diese Autorität nur existent wird, wenn ihr realer Rahmen durch eine symbolische Macht erhöht wird. Wenn der jeweilige reale Autoritäts rahmen die Überhand über den symbolischen Autori tätswert einer betroffenen Person oder Institution ge winnt, wird Autorität zur Karikatur.» Hier, so glaube ich (J.M.), müssen die echten kulturpoli tischen Unterschiede betont werden: Der obige Diskurs trägt offenkundig den Stempel Frankreichs und seiner Geschichte, die Prägung von Verhaltensmustern, die sich monarchistische Züge bewahrt haben. In unserem Land, in dem ein Bundesrat mit dem Velo zum Büro fährt und Minister auf ihren Reisen kaum Personen schutz in Anspruch nehmen, hat dieser «symbolische Rahmen» sicherlich nicht dasselbe Gewicht. Bislang er kenne ich hier keine eklatant geminderte Nähe zwi schen den Staatsbürgern und ihren gewählten Mandats trägern. Auch keine Minderung des eher familiären Respekts, der diesen entgegengebracht wird (richtig ist jedoch, dass das dem Amt beigemessene Prestige hier im waadtländischen Milieu nicht mehr dasselbe ist wie noch vor fünfzig Jahren) [3]. Im Sinne eines neuen politischen Geistes: «Der Wille zu einem neuen cogito, einem cogito, das in Relation zu ge genseitigen Verpflichtungen und Absprachen steht und letztlich ein neues Ideal des Wir ermöglichen könnte.» Damien: «Ich sehe mich in der Tradition der kompetiti ven Kooperation. Weder das Individuum noch das Kapi tal schaffen Mehrwert, sondern das kollektive Wir der Koordination.» 1 Damien R. Eloge de l’autorité. Paris: Ar mand Colin; 2014. Die angeführten Zitate sind einem in der Wochen zeitschrift Marianne publizierten Interview vom 12. Dezember 2014 (70–73) entnommen. 2 Siehe zu diesem Punkt den ausgezeichneten Artikel von Prof. Yves Sandoz, «Ce peuple qui a toujours raison». Le Temps (Genf), 17. De zember 2014, S. 10. 3 Bertrand Piccard zum Thema Autorität in seinem neuesten Buch Changer d’altitude: «Le but d’une relation de vrait toujours être de construire une situa tion winwin. La seule exception est la situa tion hiérarchique dans laquelle un chef peut être contraint de don ner des ordres» [qui peuvent ne pas plaire au subordonné].
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