Krankheitsursachen im Wandel der Zeit
Author(s) -
Wandel Der Zeit,
René Bloch
Publication year - 2015
Publication title -
schweizerische ärztezeitung
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4004
pISSN - 0036-7486
DOI - 10.4414/saez.2015.03299
Subject(s) - political science
Seit Urzeiten obliegt dem Arzt die Aufgabe, Krankheiten zu heilen. Für den Mediziner aus vorwissenschaftlichen Epochen galt Krankheit als ein Geschehen, dessen Ur sachen leicht auszumachen waren. Ihren äusseren Fakto ren kam eine nur bescheidene Rolle zu, es sei denn im Falle gewaltsamer umweltbedingter oder dämonischer Einwirkungen. Die Krankheit wurde als störende Ver änderung von Körperfunktionen und als Folge eines Missverhältnisses gewisser Körpersäfte angesehen. Nach und nach entstanden Krankheitslehren, die die Ursachen genauer zu differenzieren vermochten bis zu den Klassi fikationssystemen, die wir seit der jüngeren Vergangen heit der Menschheits geschichte kennen. Durch diese Systeme können die Krankheiten in verschiedene Kate gorien eingeteilt werden, je nach deren Erscheinungsfor men oder Kenntnis über deren Ursprung. Für eine ätiologische Einteilung werden die meisten Krankheitsursachen Dysfunktionen innerhalb des menschlichen Organismus zugeschrieben und zuletzt auch genetischen Anomalien. Hinzu kommen Krankhei ten durch diverse äussere Einwirkungen, die sich in der natürlichen Umwelt des Menschen befinden. In letzter Zeit spielen Noxen eine Rolle, die durch von Menschen verursachte Veränderungen der Natur und des sozialen Gewebes zustande kommen. Während früher die ursachenorientierte Klassifikation von Krankheiten darauf ausgerichtet war, Krankheits einheiten zu beschreiben, die auf natürliche äussere pathogene Faktoren zurückzuführen wären, müsste man heute neue Kategorien von Krankheiten beschreiben, de ren Ursachen nicht ursprünglich in der Umwelt vorkom men. Dieselben werden durch Eingriffe des Menschen selbst in dessen Umwelt erzeugt und den damit ver bundenen multiplen ökologischen Veränderungen und Gleichgewichtsstörungen, ebenso gesellschaftliche Um strukturierungen, die den Bedürfnissen des Menschen entgegengestellt sind. Durch die Vielzahl zivilisationsbedingter Faktoren, wel che die Gesundheit des Menschen in seiner physischen und psychischen Ganzheit bedrohen, bekommt der Arzt eine Aufgabe, die weit über das Tätigkeitsfeld hinaus reicht, womit er sich noch vor einigen Jahr zehnten be gnügen durfte. Weniger die individuelle Belastbarkeit als vielmehr die Belastungsfaktoren in der Umwelt schieben sich in den Mittelpunkt des diagnostischen In teresses. Folglich kann die Therapie des Patienten heute nur noch zum Ziele führen, insofern die Tatsache er kannt wird, dass der Mensch selbst die Verursachung ei ner Vielzahl krankhafter Störungen psychophysischer Art verschuldet. Das Ziel jeder Medizin ist die Heilung des Patienten durch Entfernung der krankmachenden Einwirkung. In der modernen Zeit könnte der Arzt dieser Aufgabe nur noch gerecht werden, indem er die Gesellschaft beeinflusst. Gelingt es nicht, die eigentlichen Krank heitsursachen und deren Abstammung zu erkennen, d.h. die Zerstörung der natürlichen Umwelt im Gefolge der technischen Entwicklung und die Schaffung einer artifi ziellen Gesellschaftsform, muss man sich mit einer pal liativen Therapie begnügen und damit rechnen, dass die krankhaften Störungen in der Bevölkerung weiter zu nehmen, wobei ein rascher Anstieg der exogenen Krank heitsbilder heute schon erwiesen ist. Das Aktionsfeld des Arztes wird durch die beschriebene Situation wesentlich erweitert, indem er seinen thera peutischen Einfluss über den Patienten hinaus auf des sen Umgebung richten muss. Dabei soll zunächst die Be wusstheit des Patienten für die komplexe Interaktion MenschUmwelt erreicht werden. Dem Einfluss des Arz tes sind aber bei der Behandlung äus serer schädlicher Faktoren enge Grenzen gesetzt, da der einzelne Patient nicht für das Fehlverhalten der ganzen Gesellschaft ver antwortlich gemacht werden kann. Eine Komplizität des Patienten am Fehlverhalten der Gesellschaft kann jedoch aufgedeckt und erklärt werden mit entsprechenden Vor schlägen für konstruktive Konsequenzen. Über einen solchen Rahmen hinaus bedarf es aber der Zusammen arbeit der Ärzte auf einem höheren Niveau, d.h. interna tionaler Standesorganisationen. Es ist dringend notwendig, dass Arbeitsgruppen von Ärz ten gebildet werden, die sich mit den vom Menschen selbst verursachten pathogenen Umweltfaktoren befas sen, zur Ausarbeitung von Vorschlägen, um eine weitere Gefährdung der menschlichen Gesundheit weltweit zu verhüten. Eine Reform und Umkehr der gegenwärtigen Situation, die mit grösster Wahrscheinlichkeit zu weite ren destruktiven Veränderungen und ihren gesundheits schädlichen Folgen führen wird, benötigt viel Mut und ein Umdenken auch in ethischen Fragen, deren Beant wortung uns heute leichtzufallen scheint. Buchtipp: Bloch R. Die Psychagogische Psycho therapie. Ein Denkmodell für das 21. Jahrhundert. Wien: Verlagshaus der Ärzte. 152 Seiten. 50.50 CHF. ISBN 9783990520840
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