Die Medizin des 21. Jahrhunderts braucht eine neue Identität und neue Prioritäten in der Forschung
Author(s) -
J Bircher,
Med Bircher
Publication year - 2007
Publication title -
schweizerische ärztezeitung
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4004
pISSN - 0036-7486
DOI - 10.4414/saez.2007.13107
Subject(s) - philosophy , political science
jbi@swissonline.ch Wo brennt es in der Medizin heute? Die Medizin ist ein grossartiges kulturelles Erbe der Menschheit. Wissenschaftliche und technologische Fortschritte haben sie aber in den letzten Jahrzehnten in eine schwierige Krise hineinmanövriert. Auf der einen Seite kann die Medizin heute soviel wie noch nie in der Geschichte, doch auf der anderen Seite ist ihre Komplexität derart gestiegen, dass sie nicht mehr sachgerecht gehandhabt werden kann. Unter den Krisensymptomen ist zunächst die Kostensteigerung besonders auffällig. In allen entwickelten Ländern ist sie höher als das Wachstum des Bruttosozialproduktes und damit nicht zukunftsfähig. Die meisten Kostensenkungsprogramme haben die Komplexität der Medizin weiter erhöht. Die Einführung marktwirtschaftlicher Strukturen ist mit bedeutenden Risiken von unerwünschten Wirkungen behaftet. Zu ihrer Kontrolle wurden Qualitätssicherungsprogramme eingeführt, deren Nutzen in der Medizin meist nicht wissenschaftlich nachgewiesen ist. Vermehrte Bürokratisierung und Reorganisationen beanspruchen von Ärzten und Pflegekräften viel Zeit, die den Patienten verlorengeht und das medizinische Personal demotiviert. Dazu kommt Angst vor Haftpflichtprozessen. Hierarchische Strukturen und autoritäre Verhaltensmuster sind der Komplexität der heutigen Medizin auch nicht mehr angemessen. Das Sozialprestige der Mediziner ist zwar immer noch höher als dasjenige aller anderen Berufsgruppen, aber dennoch haben Ärzte ihre Bestimmungsmacht über die Medizin verloren und können für ihre Patienten nur noch das tun, was bezahlt wird, und nicht mehr, was sie als richtig und angemessen erachten. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass Hingabe von Ärzten und Pflegenden selten, hingegen Burn-outPhänomene häufig geworden sind. Die aufgezeigten Entwicklungen sind nur die Spitze des Eisberges. Eine genauere Beschreibung müsste viel ausführlicher sein. Entscheidend ist die Schlussfolgerung, dass heute für das Wohl der Patienten nicht mehr das medizinisch Sinnvolle, sondern nur noch das Bezahlbare getan werden kann. In der Medizin ist nicht mehr Wissen und Können, sondern das Geld zum beschränkenden Faktor geworden. Entsprechend wird das Potential der Medizin nicht mehr voll genutzt, und es ist unredlich, der Öffentlichkeit jeden kleinen wissenschaftlichen Fortschritt lautstark anzupreisen, was von den Medien, der pharmazeutischen Industrie und sogar von Universitäten immer noch praktiziert wird. Dient eine solche Wissenschaft wirklich der Medizin, oder verfolgt sie andere Ziele?
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