Vor 50 Jahren: Paul Niehans bringt den Begriff «Zellulartherapie» in die Öffentlichkeit
Author(s) -
Eberhard Wolff
Publication year - 2002
Publication title -
schweizerische ärztezeitung
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1424-4004
pISSN - 0036-7486
DOI - 10.4414/saez.2002.09172
Subject(s) - political science , art , philosophy
«Der Fiat X 1/9 war nach einer Frischzellenkur fit fur die nachsten Jahre». Der Satz aus einer aktuellen Website fur Schweizer Autoliebhaber [1] ist nur zu typisch. Der Begriff der «Frischzellen» hat sich weit uber die Medizin hinaus einen Platz in der deutschen Alltagssprache erobert, und sei es nur als Metapher fur Verjungung. Moglich wurde dies durch die ungeheure Popularitat des umstrittenen Verfahrens der Injektion meist lebensfrisch gewonnener Zellen von Schafsfoten. Sie war uber viele Jahrzehnte der offene Geheimtipp der Schonen, Reichen und Beruhmten. Entwickelt und 1931 erstmals angewandt hatte sie der am Genfersee tatige, geburtige Berner Arzt Paul Niehans (1882–1971). Nach vielen Jahren der Praxis veroffentlichte Niehans vor nunmehr genau 50 Jahren seine erste Schrift unter dem neuen Namen, genauer gesagt, nicht unter dem popularen Begriff «Frischzellen», sondern unter dem ihm serioser und passender erscheinenden Terminus «Zellulartherapie» [2]. Diesen Terminus hatte sein Schuler und Bewunderer, der Zurcher Arzt und ehemalige Landesring-Nationalrat Franklin E. Bircher (1896–1988), Sohn des Zurcher Muesli-Erfinders Max Bircher-Benner (1867–1939), vorgeschlagen [3]. Mit diesem Namen konnte Niehans sich selbstbewusst in eine Reihe mit der Zellularpathologie Rudolf Virchows und der Zellularbiologie des Nobelpreistragers Alexis Carrell stellen. Ganzlich von der Hand zu weisen waren solche Parallelen allerdings nicht, zumindest was das medizinische Milieu anging. Niehans verstand sich namlich alles andere als einen «Alternativmediziner» oder Vertreter einer Naturheilkunde. Erst mit der Zeit wanderte die Zellulartherapie in das Lager der von der «Schulmedizin» abgelehnten oder zumindest recht skeptisch betrachteten Heilverfahren. In den letzten Jahrzehnten findet sich die Zellulartherapie vermehrt in der Gesellschaft von Bachbluten, Bioresonanz und Wellnessbewegung wieder, und Niehans wird unter die «grossen Naturheiler» eingereiht [4]. Zu Beginn seiner Arbeiten war Niehans allerdings ein Teil der weitlaufigen Medizinerund Forschergemeinde, die mit der therapeutischen Transplantation von tierischen Drusen und Organen experimentierte. Von den 1880er bis in die 1930er Jahre war es namlich durchaus ublich, vor allem Schilddrusen, Nebenschilddrusen, aber auch Hoden und Ovarien in den menschlichen Korper einzupflanzen, um die «innere Sekretion», die zu Beginn dieser Phase bereits bekannt war, zu ersetzen oder zu unterstutzen. In der Schweiz steht hier der Name des Berner Nobelpreistragers Theodor Kocher (1841–1917) obenan, der 1883 einem jungen Mann erstmals frisches menschliches Schilddrusengewebe unter die Halshaut pflanzte, um die unerwunschten Folgen einer vorausgegangenen Schilddrusenentfernung ruckgangig zu machen. Da das Problem der Abstossung ohne die Kenntnis der Immunologie damals noch nicht in den Griff zu bekommen war, scheiterte die fruhe Phase der Transplantation erst einmal. Die Technik verschwand ebenso wie die implantierten Gewebe, die nach einigen Wochen im Korper des Empfangers nicht mehr nachzuweisen waren [5]. Ein Nebenprodukt dieser Experimente war die Endokrinologie, die sich als eigene medizinische Fachrichtung aus diesen Forschungen heraus entwickelte. Fur Niehans waren die «klassischen Methoden» der Transplantation, die er anfanglich anwandte1 und fur die er sich einen Namen geschaffen hatte, wie auch die Hormonsubstitution unbefriedigend, weil sie beide keine langfristigen Erfolge lieferten. Die Geburtsstunde der Zellulartherapie schlug dann nach Angaben von Niehans 1931: Nachdem in einer Situation akuter Tetanie einer Patientin mit missgluckter Schilddrusenoperation keine Zeit war, Nebenschilddrusengewebe zu implantieren, injizierte er stattdessen eine Aufschwemmung von kleingehacktem Drusengewebe, und die Patientin uberlebte. Niehans praktizierte die Technik in verschiedenen Varianten in den folgenden Jahrzehnten. Der Begrunder der Zellulartherapie machte mit seiner neuen Methode in der Folge das, was mit therapeutischen Innovationen haufig gemacht wird: Um ihre Bedeutung hervorzuheben, pries er sie als wirksam fur eine Unzahl moglicher Indikationen an. Neben «Organschadigungen» und «Altersgebrechen» konne mit ihr etwa die damals mit dem Begriff «Mongolismus» bezeichnete heutige «Trisomie 21» ebenso geheilt werden wie auch die «Fehlentwicklung» 1 Niehans in einem Vortrag der 1950er Jahre, teilweise abgedruckt in [6], S. 117.
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