Ein Schlüssel zur modernen Medizin?
Author(s) -
Stefan NeunerJehle
Publication year - 2019
Publication title -
primary and hospital care allgemeine innere medizin
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 2297-7163
pISSN - 2297-7155
DOI - 10.4414/phc-d.2019.10052
Subject(s) - political science
Die Ansichten, wohin sich die moderne Medizin sinn vollerweise bewegen soll oder wird, sind vielfältig: Di gitalisierte Medizin, angereichert mit künst licher In telligenz? Personalisierte Medizin mit exakt auf den genetischen Hintergrund des Individuums passenden Interventionen? Hochtechnisierte Spitzenmedizin, ökonomisch auf Effizienz getrimmtes Gesundheits wesen, oder perfektionierte interprofessionelle Zu sammenarbeit? Es ist natürlich naiv zu denken, es gäbe den goldenen Schlüssel für die Lösung aller Probleme, mit denen sich Medizin und Gesundheitssysteme heutzutage herumschlagen. Zu denken, man hätte ihn gefunden, ist anmassend. Wahrscheinlicher ist, dass ein ganzes Massnahmenpaket nötig ist, in der Art wie es Gesund heitsstrategen skizzieren (in der Schweiz zum Beispiel in Form von «Gesundheit2020»). Ein weiteres Schlüs selelement möchte ich Ihnen hier näherbringen: Die Gebrechlichkeit. Warum soll ein so negativ besetzter Begriff nun der Schlüssel für ein modernes Medizinverständnis sein? Gebrechlichkeit und verwandte Begriffe wie Fragilität (frailty) und Vulnerabilität meinen, dass eine erhebliche Gefährdung vorliegt, zu zerbrechen (zusammenzubre chen, sich etwas zu brechen), und darum eine erhöhte Vorsicht und Aufmerksamkeit im Umgang mit der/dem Gebrechlichen nötig ist. Gebrechliche Menschen bedür fen mehr Unterstützung und Fürsorge als robuste, ge sunde Menschen. Kann das Konzept der Gebrechlichkeit, respektive deren Vermeidung und der menschenwürdige Umgang damit ein Leuchtturm für die moderne Medizin sein? Fol gende Gründe sprechen dafür: Bisher fokussierte –ver einfacht ausgedrückt – die wissenschaftlich orientierte Medizin auf die Verbesserung pathologischer biologi scher Prozesse, ergänzt durch die psychosoziale Pers pektive. Erst relativ junge Fächer wie Geriatrie oder Rehabilitationsmedizin kümmerten sich um die Hoch altrigen und Gebrechlichen, und die palliative Medizin hat sich erst in den letzten Jahren zum eigenständigen Fach entwickelt. Erst seit Kurzem werden alte und gebrechliche Patientinnen und Patienten vermehrt in Wirk samkeitsstudien und LeitlinienEmpfehlungen ein geschlossen. Bisher war aufgrund zu strikter Aus schlusskriterien keine Aussage zur Wirksamkeit vieler Therapeutika bei dieser fragilen Population möglich. Gleichzeitig steigt aber mit der demografischen Ent wicklung und der Hochaltrigkeit die Zahl gebrech licher Menschen, die Gesundheitssysteme sind gefor dert – nicht nur in der Bewältigung der Versorgung von Gebrechlichen, sondern auch im Bemühen, die Lebensphase der Gebrechlichkeit möglichst weit ans Ende eines Menschenlebens zu schieben und damit ihre Dauer zu verkürzen. Das Leid infolge Gebrechlichkeit zu lindern, ist ein mo ralischer Imperativ, welcher der modernen Medizin wieder einen menschlicheren Inhalt geben könnte. Denken Sie an Patient/innen, die schrittweise ihre Au tonomie verlieren, stürzen, verunsichert und überfor dert sind, unter Schmerzen leiden. Welches Potenzial an zu verbessernder Lebensqualität durch erhöhte Auf merksamkeit und Zuwendung! Welch ein Gegenwert für gezielte Interventionen, der einer erfolgreichen ko ronaren Katheterintervention oder raffinierten bildge benden Diagnostik in nichts nachsteht. Salopp ausge drückt, wird das Problem also zur möglichen Lösung für die Orientierungslosigkeit der modernen Medizin. Die Vulnerabilität der gebrechlichen Patient/innen be deutet aber auch, dass sie Schutz vor allzu aggressiver Diagnostik und Therapie benötigen. Wenn der Nutzen einer Intervention immer unwahrscheinlicher (oder aufgrund der oben angesprochenen Datenlage immer unsicherer) wird, weil Hochaltrigkeit und Gebrech lichkeit dominieren, dann ist der Verzicht auf diese Intervention oft eine gute Option. Schutzbedürftigkeit meint in diesem Sinne also auch Schutz des gebrech lichen Patienten vor unnötiger oder sogar schädlicher Diagnostik und Therapie. Wir Ärztinnen und Ärzte sind gefordert, uns für unsere vulnerablen Patientinnen und Patienten nicht nur zu über legen, was sie brauchen, sondern auch, was sie besser nicht bekommen. Nicht zu vergessen ist, dass es mit der Konstruktion eines Be treuungsapparates nicht getan ist. Für eine erfolgreiche Verbesserung oder Stabilisierung eines gebrechlichen Zustandes braucht es eigene Aktivitäten und Selbst verantwortung des Patienten. Hier ist ein gesundes Mit telmass zwischen betreut werden, überversorgt sein und für sich selbst sorgen gefragt. Korrespondenz: Prof. Dr. med. Stefan NeunerJehle, MPH Institut für Hausarztmedizin Zürich Pestalozzistrasse 24 CH8091 Zürich stefan.neunerjehle[at] usz.ch Stefan NeunerJehle
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