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Was haben Terroristen mit Tumorzellen zu tun?
Author(s) -
H Kühler
Publication year - 2005
Publication title -
forum médical suisse ‒ swiss medical forum
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1661-6146
pISSN - 1661-6138
DOI - 10.4414/fms.2005.05641
Subject(s) - political science
So vielfältig die Themen und Bereiche der einzelnen Wissenschaften auch sein mögen, so ähnlich sind doch die Gesetzmässigkeiten, mit denen Wissenschaftler Probleme zu erklären und zu lösen versuchen. Diese Modelle scheinen universalen Charakter zu haben. Aus diesem Grund ist es nicht ungewöhnlich, dass dieselben Prinzipien, die zur Steuerung von gesellschaftlichen Phänomenen angewendet werden, auch in der Bekämpfung von Krankheiten erfolgreich sein könnten und umgekehrt. Tumorzellen und Terroristen verhalten sich prinzipiell ähnlich. Sowohl bei Tumorzellen als auch bei Terroristen hat ein Vorgang der Entdisziplinierung stattgefunden: Gesetzmässigkeiten des Zusammenlebens in einem Zellverband bzw. in einer Gesellschaft werden ignoriert. Jegliches Handeln gehorcht nur noch einem zerstörerischen Programm, wobei nicht etwa ein übergeordnetes Ziel die Ausrichtung aller Handlungen determiniert, sondern die Destruktion an sich den erklärten Endpunkt darstellt. Beide Entitäten nutzen das System, welches sie zerstören wollen, schamlos aus, bevor sie den tödlichen Schlag ausführen (Terroristen sind oft Empfänger von Leistungen des sozialen Netzes, Tumorzellen drainieren die Blutgefässe ihres Mutterorgans). Trotz dieser Entdisziplinierung sind Tumorzelle und Terrorist schwer erkennbar, da sie dem System, das sie negieren, entstammen und deshalb im Vergleich zu Bakterien und Viren einerseits oder extraterrestrischen Aliens andererseits nur schwache antigene Eigenschaften aufweisen. In dieser Weise getarnt, können sie lange Zeit existieren und ihre tödlichen Pläne in Ruhe und Anonymität vorbereiten. Auch das Credo ihres Wirkens ist bei Tumorzellen und Terroristen ähnlich: Beide bekämpfen ein System, welches für ihr eigenes Überleben essentiell ist. Falls sie ihr Ziel erreichen (den Tumorzellen gelingt dies leider noch allzu oft, den Terroristen glücklicherweise [bis anhin noch] seltener), gehen sie unweigerlich mit dem sie bedingenden Gefüge (Körper, Staat) zugrunde. Somit ist ihre Biologie höchst undarwinistisch, vorausgesetzt man definiert das Überleben als oberstes Ziel. Wenn man nach Ursachen für Radikalisierung und «Entartung» fragt, wenn man Auslösemechanismen für das Ausscheren aus dem Verband finden will, dann stösst man bei den frühen Stadien der Tumorgenese und bei der Entwicklung terroristischen Verhaltens auf qualitativ ähnliche Phänomene. Oft liegt der Ungehorsam in einem chronischen Reizzustand begründet und mündet in eine Revolte gegen das Kollektiv, das für Schmerz und Leid verantwortlich zu sein scheint. Spartacus griff nicht zum Schwert, weil er primär seine politischen Ambitionen ausleben wollte, sondern um den Demütigungen und der Drangsal ein Ende zu bereiten; bei der Tumorgenese promovieren Entzündungsreize das Zellwachstum zunächst mit dem Ziel, sich gegen die zellschädigende Noxe abzuschotten. Diese Mechanismen sind, solange sie sich innerhalb festgelegter Grenzen manifestieren, physiologisch und legitim, da sie auf die Beendigung eines krankmachenden Reizzustandes abzielen. Wenn diese Prozesse jedoch unkontrolliert ablaufen, wenn die Beziehung zwischen der Intensität einer Noxe und der Ausprägung der Reaktion nicht mehr linear ist, dann sind die Schleusen für Tumorwachstum und Terrorismus geöffnet. Sowohl maligne Entartung als auch Terrorismus finden ihren Ursprung also in einer Fehlregulation zwischen Reiz und Reaktion. Im Gegensatz zum erlaubten und physiologischen «zivilen Ungehorsam» und im Gegensatz zu einer adäquaten Gewebereaktion auf eine Noxe, sind Terrorismus und invasives Tumorwachstum pathologisch, da sie deregulierende, chaotische Prozesse initiieren und weil das ursprünglich (vermutlich) bestehende Ziel der Protektion gegen jenes der Destruktion ausgetauscht wurde. Aber wie kann man diese Geisseln der Menschheit erfolgreich bekämpfen, wie den biologischen Terror durch Tumorzellen und den gesellschaftlichen Terror durch fundamentalistische «Gotteskrieger» aufhalten? Sowohl in der Medizin als auch in der Gesellschaft sind die Ergebnisse bisher unbefriedigend. Etablierte Methoden wie Chemotherapien und Kriege sind zu einem nicht geringen Teil psychologisch motiviert. Sie suggerieren, dass durch eine gewaltige Kraftanstrengung zum Preis grosser eigener Opfer das Böse und Kranke gestoppt und vernichtet werden könne. Sie dienen überdies in erheblichem Mass zur Beruhigung der aufgewühlten und verängstigten Seele. Präzision und Effizienz dieser Strategien sind weit davon entfernt, den berechtigten Erwartungen an eine kühl kalkulierte und intelligente Aktion genügen zu können. So verständlich diese Massnahmen auch sind, so vermögen sich dennoch nicht mehr, als der Hydra einen Kopf abzuschlagen, bevor zwei neue nachwachsen. Oft steht der Nutzen dieser Kraftakte nicht in einem angemessenen Verhältnis zum Schaden, den sie anrichten. In einer grossen Zeitung war neulich ein interessanter Gedanke zu lesen. Nicht die Amerikaner oder Europäer haben die Mittel, den unter dem religiösen Deckmantel des Islam verübten radiWas haben Terroristen mit Tumorzellen zu tun?

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