Neurologie: Brücke zwischen Natur- und Geisteswissenschaft
Author(s) -
J Kesselring
Publication year - 2004
Publication title -
forum médical suisse ‒ swiss medical forum
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 1661-6146
pISSN - 1661-6138
DOI - 10.4414/fms.2004.05410
Subject(s) - philosophy
In Zeiten, da die Tagespresse und zunehmend auch die Fachjournale, besonders aber die Standespostillen, uns mit Berichten überfluten, die uns glauben machen sollen, wir ÄrztInnen hätten nun wirklich definitiv nichts mehr zu lachen, ist es besonders erfreulich, darüber zu berichten, wie heute wissenschaftlich erfasst werden kann, wie und warum wir Menschen es trotzdem tun [1]. Darwin hatte über den Überlebenswert dieser auffälligen, oft lauten und ziemlich stereotypen Verhaltensweise spekuliert, durch die das Individuum im Überlebenskampf doch erheblich gefährdet erscheint, dass der Ausdruck eines Gefühls von Entspannung, Wohlwollen und eines Wegfalls von (bedrohlicher) Spannung beim Individuum ein wichtiges Signal für die soziale Gemeinschaft darstelle, gleichsam den «Kitt», d.h. ein Kohärenzsystem im Sozialen bilde. Klinische, elektrophysiologische und bildgebende Untersuchungen zeigen, dass im ponto-mesenzephalen Bereich ein Integrationszentrum für mimische Ausdrucksmotorik, Atmung und autonome Reaktionen besteht mit einer Art Arbeitsteilung zwischen den ventralen Anteilen für die Bildung emotional gesteuerter Ausdrucksweisen und den dorsalen Anteilen für die Willkürmotorik der emotional neutralen Mimik [2]. Emotionales (sozial wirksames) Lachen wird nicht vom motorischen Kortex ausgelöst, vielmehr wird angenommen, dass dabei die kortikale Hemmung auf den Hirnstamm wegfällt. Für diese Interpretation spricht nicht nur das «pathologische Lachen», wie es bei der Pseudobulbärbeziehungsweise der echten Bulbärparalyse im Rahmen der Motoneuronerkrankungen vorkommt, sondern auch die Wirkung des Lachgases, welches als NMDA-Antagonist frontale und präfrontale neuronale Netzwerke hemmt. Der Ausdruck des Lachens wird über zwei teilweise unabhängige Wege vermittelt: ein unwillkürliches, emotionsgebundenes System, in dem die Amygdala, thalamische und hypobeziehungsweise subthalamische Areale zum dorsalen Tegmentum führen sowie über ein «Willkürsystem» aus dem vorderen Operkulum, das über den Motorkortex und die Pyramidenbahn zum vorderen Hirnstamm projiziert, wo im dorsalen Anteil der oberen Brücke ein Koordinationszentrum für das Lachen ausgemacht werden kann. Wenngleich die motorischen Anteile der Lachbewegungen auch bei gewissen Tieren und schon beim Kleinkind – vor allem durch Stimulation über das Kitzeln und andere Reize aus der sozialen Umgebung – hervorgerufen werden können, so ist es doch, wenigstens bei einem Teil der erwachsenen Menschen, der Humor, der über den rechten Frontallappen, den medialen ventralen Präfrontalkortex und die hinteren Temporalwindungen (und teilweise über das Kleinhirn) diese wohltuende Aktivität bewirkt. Zugrunde liegt ihr fast immer eine Inkongruenz oder Überraschung in einem spielerischen Kontext, dessen Interpretation und Wertschätzung allerdings bestimmte «psychologische» Eigenschaften wie Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis, geistige Flexibilität, emotionale Bewertung, verbales Abstraktionsvermögen und positive Emotionen voraussetzt. Entsprechend findet sich eine ausgeprägte Humorlosigkeit besonders bei PatientInnen mit rechtsfrontalen Läsionen beziehungsweise bei Leuten, die nicht imstande sind, die kognitiven und emotionalen Informationen im Faden einer Erzählung oder einer Handlung zu integrieren oder emotionsgeladene Situationen und Sätze als solche wahrzunehmen. Ein besonders solider und wertvoller Baustein für die uns so wichtige Brücke zwischen Natur-, Neuround Geisteswissenschaft wird in dem Buch «The Bard on the Brain» von Paul Matthews und Jeffrey McQuain [3] geliefert, wenn der Barde Shakespeare mit seiner unnachahmlichen Sprachgewalt und Poesie im Originaltext (illustriert mit wunderbaren Aufnahmen aus aktuellen Theateraufführungen) zu Worte kommt zu verschiedenen Themen, welche die Neurologinnen und Neurowissenschafter heute beschäftigen, und diese dann, vor allem anhand neuer bildgebender Verfahren, darlegen, was aus heutiger Sicht dazu zu sagen ist. Die Neurologie hat sich ja in den letzten Jahren erfreulich aus der alten Reflexologie und Diagnosesucht emanzipiert und beschäftigt sich mit Hilfe ihrer neuen Werkzeuge zunehmend auch mit den immer gültigen Fragestellungen zu dem, was den Menschen ausmacht. Diese Hilfsmittel werden auch eingesetzt, um dynamische Funktionsabläufe nachzuvollziehen (und hoffentlich auch einmal besser vorauszusagen), welche die Grundlage für die Neurorehabilitation darstellen. Es ist seit langem bekannt, dass der ipsilaterale Kortex bei Handbewegungen in der Erholung nach Hirnschlag aktiver ist als bei gesunden Kontrollpersonen. Dies wurde bisher spekulativ dahingehend interpretiert, dass die intakte Hemisphäre adaptiv den Ausfall auf der geschädigten Seite kompensiere. Freilich könnte es sich Neurologie: Brücke zwischen Naturund Geisteswissenschaft
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