Toleranz und/oder Paternalismus im engeren sozialen Nahbereich?
Author(s) -
Michael Kühler
Publication year - 2017
Publication title -
zeitschrift für praktische philosophie
Language(s) - German
Resource type - Journals
ISSN - 2409-9961
DOI - 10.22613/zfpp/4.2.3
Subject(s) - humanities , philosophy
Ist uns eine Person wichtig, mochten wir haufig zwei Haltungen zugleich an den Tag legen, die sich jedoch in einem Spannungsverhaltnis zueinander befinden: einerseits eine tolerante Haltung und andererseits eine paternalistische. Zum einen sind wir ublicherweise der Uberzeugung, dass andere und insbesondere uns Nahestehende ein Recht darauf haben, in ihren eigenen Angelegenheiten auch ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Dies gilt selbst dann, wenn uns diese Entscheidungen fragwurdig vorkommen. Wir haben diese dann zu tolerieren. Zum anderen neigen wir haufig erneut gerade bei nahestehenden Personen zugleich zu einer paternalistischen Haltung, wenn wir glauben, dass die Person nicht die fur sie beste Entscheidung trifft. Wir wollen eben doch das Beste fur diejenigen, die uns etwas bedeuten, und wir halten es in manchen Fallen durchaus fur angebracht oder gar geboten, auch gegen den aktuellen Willen der uns Nahestehenden zu ihrem eigenen Wohl einzugreifen oder sie von vornherein in die „richtige“ Richtung zu beeinflussen. In diesem Aufsatz diskutiere ich das konstatierte Spannungsverhaltnis und weise zunachst die Auffassung zuruck, dass schlicht die eine Haltung zugunsten der anderen aufzugeben ist. Anschliesend diskutiere ich einen naheliegenden liberalen Vereinbarkeitsvorschlag, dem zufolge Toleranz im Wesentlichen Prioritat geniest und Paternalismus nur in einer sehr eingeschrankten Variante moglich und akzeptabel ist. Demgegenuber argumentiere ich, dass der engere soziale Nahbereich nach einem umfassenderen Einbezug der paternalistischen Haltung und paternalistischer Eingriffsmoglichkeiten verlangt. Ich komme deshalb zu dem Schluss, dass, obwohl die praktische Frage, wie in der jeweiligen Situation zu handeln ist, stets eine der konkreten Abwagung bleibt, die beiden Haltungen sich jedoch letztlich als ein jeweils zu einseitiger Ausdruck einer einzigen, umfassenderen Haltung verstehen lassen, namlich einer um das Wohl und das selbstbestimmte Gelingen des Lebens der nahestehenden Person besorgten und unterstutzenden Haltung.
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