Menschsein und Religion
Author(s) -
Wilfried Engemann
Publication year - 2016
Publication title -
vandr unipress ebooks
Language(s) - German
Resource type - Book series
DOI - 10.14220/9783737005227
Subject(s) - philosophy
In the religious practice and anthropology of Protestantism humans mainly appear as sinners, who neither can nor should contribute anything to the deliverance from their misery. Thus, the personhood of humans is either intensified in its self-destructive dynamics or freed from sin, death and devil – and from fatally taking charge of their own lives. What is lacking is an anthropologically consistent notion of what it means to be human, which is not only soteriologically elaborate and unilaterally developed against the merit principle, but which considers human beings as the subjects of their lives, and that includes, amongst other things, their own judgements, reasoned decisions and a clarified (free-)will of their own. Without providing these tools for the art of living people cannot turn to their lives in a fully committed and passionate way, cannot really be present in their own lives. Only a religious practice that allows people to appear as human beings truly corresponds to the Christian culture of belief. The following chapter will discuss the reasons and perspectives for this. 1 Bearbeitete und erweiterte Fassung der Vorab-Veröffentlichung in: Wilfried Engemann (Hg.): Glaubenskultur und Lebenskunst. Interdisziplinäre Herausforderungen zeitgenössischer Theologie (= WJTh 10), Göttingen/Wien 2014, 27–50. 1. Prolog: Zum Vorschein kommen – ein Leben führen Wenn im Alltag oder in der Wissenschaft davon die Rede ist, dass etwas zum Vorschein kommt, geht es um etwas, das zwar schon irgendwo irgendwie gegeben, aber bisher nicht präsent war. Wer oder was zum Vorschein kommt, tritt unerwarteterweise mit seiner eigenen Wahrheit und seinem eigenen Anspruch aus der Verborgenheit hervor, spielt plötzlich Rolle und wird unabweisbar Teil der Gegenwart. Wenn in der Literatur erzählt oder im Film gezeigt wird, unter welchen Umständen eine bestimmte Person zum Vorschein kommt, die verschwunden, vorher gar nicht bekannt war oder auch nur verkannt wurde, ist das ähnlich: Prinzessinnen, Schuldner, verschollen Geglaubte, Totgesagte, Rächer, Erlöser usw. – sie treten mit einem Mal mit ihrer wirklichen Identität aus dem Schatten hervor, erscheinen auf der Bühne und geben der Handlung eine neue Richtung. Dabei erwecken sie nicht selten den Eindruck, dass sie das, was gerade mit ihnen bzw. durch sie geschieht, auch selbst ein bisschen überrascht. Solche Akte des Wiederoder Erstmals-zum-Vorschein-Kommens von Identitäten vollziehen sich in drei verschiedenen Stufen: – Oftmals fängt dieser Prozess damit an (1. Stufe), dass Menschen in ihrer eigenen, ganz persönlichen Welt, also mit sich selbst etwas Unerwartetes erleben. Sie werden aufgrund von Wahrnehmungen, Informationen, Irritationen, Konfrontationen, manchmal scheinbar auch „einfach so“, von eigenen Gedanken, Ideen, Worten und Sympathien überrascht, von denen sie nicht geahnt hätten, dass sie zu ihnen gehören. – Wenn man als „jemand Bestimmtes“ zum Vorschein zu kommt, ist es bei diesen Selbst-Wahrnehmungen nicht geblieben. Man versucht früher oder später (2. Stufe), sich auf das, was in einem vor sich geht, einen „Reim“ zu machen. Dazu muss man sich zum Beispiel mit widerstreitenden Empfindungen, Wünschen und Zukunftserwartungen, mit möglichen Entscheidungen und ihren Folgen auseinanderzusetzen, um so zu klären, was man eigentlich will, um herauszufinden, was zu dem Menschen gehört, der man geworden ist, zu der Identität, auf die hin man sich zu entwickeln scheint. Von alldem bekommt die Umwelt meist noch wenig mit. 2 Diese Erzählstrukturen finden sich wohl auch deshalb in vielen großen Erzählungen, Abenteuerromanen und in der internationalen Filmgeschichte wieder, weil sie eine biographische Notwendigkeit bzw. Grunddynamik menschlicher Existenz widerspiegeln, die von Moses über den Grafen von Monte Christo bis hin zu den frappierenden personalen „Offenbarungen“ in den Romanen Theodor Fontanes führt. Die Gebrüder Grimm führen ihrerseits illustre Beispiele dafür an, was es heißt, in einer bestimmten Rolle zum Vorschein zu kommen. Vgl. Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Leipzig/Mannheim 1995, Bd. 26, Sp. 1453. Wilfried Engemann 18
Accelerating Research
Robert Robinson Avenue,
Oxford Science Park, Oxford
OX4 4GP, United Kingdom
Address
John Eccles HouseRobert Robinson Avenue,
Oxford Science Park, Oxford
OX4 4GP, United Kingdom