20 Jahre forschende Komplementärmedizin: Der Weg von der Avantgarde zum Mainstream
Author(s) -
Gustav Dobos
Publication year - 2013
Publication title -
complementary medicine research
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 2504-2106
pISSN - 2504-2092
DOI - 10.1159/000348619
Subject(s) - humanities , political science , art
1993 war ein Jahr der Gegensätze: Während in Jugoslawien im Kampf um die Souveränität der ethnischen Gruppen die Massaker des Bürgerkriegs anhielten und die Tschechoslowakei aufhörte zu existieren, trat im Herbst der Vertrag von Maastricht in Kraft und vollendete die europäische Einigung, an der seit den 1950er Jahren gearbeitet worden war. Auch die deutsche Einigung setzte ein Zeichen – mit neuen Postleitzahlen. Vielleicht hilft es, sich das damalige Umfeld ins Gedächtnis zu rufen, um zu verstehen, was in den vergangenen 20 Jahren passiert ist. Denn die enormen Veränderungen in diesem Zeitraum sind das Thema dieser Ausgabe der FORSCHENDEN KOMPLEMENTÄRMEDIZIN, die 2013 ihr 20-jähriges Bestehen feiert. Das Jahr 1993 war auch für die Komplementärmedizin ein Wendepunkt: David Eisenberg und sein Team von der Harvard-Universität veröffentlichten ihren legendären Report «Unconventional Medicine in the United States» im New England Journal of Medicine und wiesen darin nach, dass bereits jeder dritte US-Bürger Methoden jenseits der Schulmedizin anwendete, um gesund zu werden. «Wir müssen uns also fragen, was letztlich den Gesundheitszustand unserer Nation beeinflusst – das, was die Medizin tut oder das, was die Medizin nicht tut?» war die ketzerische Frage, die David Eisenberg damals an die Öffentlichkeit stellte [1]. Die Medizin musste schmerzhaft feststellen, dass viele Menschen in Parallelwelten wechselten, weil ihnen offensichtlich Entscheidendes fehlte. Was in der Medizin falsch laufe, fragte sich auch der kanadische Mediziner David Sackett, der zu jener Zeit die Notwendigkeit einer «evidenzbasierten Medizin» postulierte. Wissenschaftliches Vorgehen sollte künftig bei Behandlungen eine zentrale Rolle spielen und das mehr oder weniger «eminenzbasierte» Handeln, das sich stärker auf die ärztlichen Hierarchien als auf nachprüfbares Wissen berief, ersetzen [2]. Eminenzen – oder, wenn man es freundlicher formuliert, große Vorbilder – spielten auch in der Komplementärmedizin eine große Rolle. Persönlichkeiten wie Paracelsus, Sebastian Kneipp, Christoph W. Hufeland, Samuel Hahnemann, Rudolf Steiner und Maximilian O. Bircher-Benner waren der Anlass zur Gründung verschiedener Schulen der Naturheilkunde, die mehr oder weniger isoliert vonoder nebeneinander arbeiteten. Für den Laien waren Gemeinsamkeiten und Unterschiede kaum zu erkennen, auch nicht die Unterschiede zwischen Seriosität und Betrug, mit dem sich viel Geld machen ließ, was immer mehr selbsternannte Heiler mit kruden Theorien auf den Plan rief. In den USA hatte eine ähnlich unübersichtliche Heiler-Landschaft dazu geführt, dass im Rahmen der National Institutes of Health (NIH) ein Office of Alternative Medicine (OAM) gegründet wurde, das «unkonventionelle medizinische Praktiken» untersuchen und evaluieren sollte. Nach einigem Hin und Her und viel Kritik an der mangelhaften Unabhängigkeit des OAM von Lobbyisten wurde es 1998 reformiert und in das seither renommierte und wissenschaftlich anerkannte National Center for Complementary and Alternative Medicine (NCCAM) umgewandelt. Über 100 Millionen USD werden dort jährlich für die Erforschung von integrativen Heilverfahren ausgegeben; eine ähnlich große Summe investiert das National Cancer Institute in die Komplementärmedizin im Rahmen der Onkologie. Das NCCAM ist auch internationaler Vorreiter für die «Integrative Medizin» und überprüft wissenschaftlich komplementäre Heilverfahren mit dem Ziel, sie zum anerkannten Teil der medizinischen Behandlung zu machen. Integration, nicht Abgrenzung, ist das Ziel, dem sich auch die FORSCHENDE KOMPLEMENTÄRMEDIZIN verschrieben hat. Die naturwissenschaftlich orientierte Schulmedizin braucht diese Annäherung der Schulund Komplementärmedizin dringend, denn rund 70% der Krankheitskosten in entwickelten Staaten wie Deutschland entstehen durch chronische Leiden, die mit Naturheilverfahren oft effektiver behandelt werden können als mit den konventionellen Methoden. Die konsequente Suche nach Evidenz führt nicht nur in der Komplementärme-
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