Wissenschaftstheoretische Bewertung der chinesischen Medizin und Akupunktur – Teil 2
Author(s) -
Claus C. Schnorrenberger
Publication year - 2011
Publication title -
schweizerische zeitschrift für ganzheitsmedizin / swiss journal of integrative medicine
Language(s) - German
Resource type - Journals
SCImago Journal Rank - 0.101
H-Index - 7
eISSN - 1663-7607
pISSN - 1015-0684
DOI - 10.1159/000334445
Subject(s) - philosophy
Ein grundsätzlicher Trugschluss der evidenzbasierten Medizin (EBM), wir haben es gesagt, ist die Tatsache, dass sie von der kartesischen Trennung zwischen res cogitans und res extensa ausgeht und deshalb nur einen objektiven, den materiellen Aspekt des Menschen zulassen kann. Diese Annahme ist nach Heisenberg so tief im Bewusstsein westlicher Menschen verankert, dass «es lange dauern wird, bis sie durch eine wirklich andere Einstellung zum Problem der Wirklichkeit ersetzt werden kann» [1]. In der aristotelischen Logik heisst dieser Trugschluss der falsche Anfang (Proton pseudos πρῶτον ψεῦδος) [2]. Nicht nur der subjektive Anteil, der sowohl die Einstellung des Arztes als auch die des individuellen Patienten betrifft, sondern auch die Einheit des individuellen Menschen werden von der EBM ignoriert, obwohl in ihrer Definition die Behandlung «individueller Patienten» ausdrücklich erwähnt ist. Wahre Evidenz muss die völlige Übereinstimmung von subjektiver und objektiver Evidenz sein, was der deutsche Philosoph Edmund Husserl nachgewiesen hat [3]. Die EBM übersieht also nicht nur den notwendigen subjektiven Gegenpol objektiver Befunde, sondern vor allem auch die wissenschaftliche Bedeutung des Ganzen, indem sie, gewissermassen als akzidentielles Feigenblatt, «mathematische Einschätzungen» empfiehlt. Von hier, d.h.: von der Descartes’schen Spaltung, stammt die hypothetische Idee Die EBM sollte deshalb umbenannt werden in Medicine-Based Evidence (MBE). Denn Medizin ist die originäre Begründung (ύποκείμενον) akzidentieller Evidenz (συμβεβηκός). Das heisst: Gemäss universell gültigen Regeln der Logik ist Medizin die Substanz, Evidenz nur ein Akzidens, und ein Akzidens kann die Substanz nicht begründen [5]. Medizin kann durchaus ohne EBM-Evidenz existieren, aber medizinische Evidenz nicht ohne Medizin. Damit wird ein entscheidender Trugschluss der EBM mithilfe ihres Namens aufgedeckt [6]. Ein weiterer Trugschluss, der mit dem vorgenannten verquickt ist, ist die Umkehrung (gr. ὕστερον πρότερον) [2]. Die Begriffe werden hier in verkehrter Reihenfolge präsentiert: Naturgemäss impliziert nicht Evidenz die Medizin, sondern Medizin impliziert Evidenz. Infolgedessen sind die EBM-Theorien auch aus diesem Umstand logisch falsch. Eine ähnlich trügerische Argumentation wäre die Behauptung, der Fussball sei ein herrlicher Sport, weil die Vereine mit internationalen Spielen viel Geld verdienen können. Eine Verwechslung (ignoratio elenchi) findet statt, wenn ein Arzt mit begrenztem Verständnis der Krankheit seines Patienten unfähig ist, diese angemessen zu analysieren, und in seiner Not vermutet, die Störung sei seelischen Ursprungs. Dann überweist der Arzt den Kranken an einen Psychiater, der häufig auch nicht weiss, was er tun soll. Er verordnet ihm Beruhigungsmittel sowie Psychopharmaka und blockiert so Teile von dessen Gehirnaktivität, sodass der Schweizerische Zeitschrift für Ganzheitsmedizin Swiss Journal of Integrative Medicine
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