Weiterentwicklungen in der Verhaltenstherapie: Unüberschaubar und identitätszerstörend?
Author(s) -
Ulrike Ehlert
Publication year - 2009
Publication title -
verhaltenstherapie
Language(s) - German
Resource type - Journals
SCImago Journal Rank - 0.219
H-Index - 23
eISSN - 1423-0402
pISSN - 1016-6262
DOI - 10.1159/000249816
Subject(s) - humanities , philosophy , gynecology , medicine
Als Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten laufen wir zurzeit Gefahr, in der Flut neuer therapeutischer Methoden in «Unkenntnis» zu ertrinken, uns nicht «up to date» zu füh len und entsprechend verunsichert zu sein. Zumindest sind seit geraumer Zeit in Fachdiskussionen oder Gesprächen mit (fach)politischen Entscheidungsträgern Tendenzen zu verspü ren, die darauf hinweisen, dass eine postgraduale Weiterbil dung in einem wissenschaftlichen Psychotherapieverfahren nicht mehr ausreichend zu sein scheint. Es gibt nun Weiterbil dungsangebote, die schon im Namen darauf hinweisen, dass sie (anscheinend) explizit auf psychologischen Inhalten basie ren (wie die psychologische Psychotherapie) oder «Zwei in Einem» vermitteln wie die kognitive Verhaltenstherapie mit verhaltensmedizinischem Schwerpunkt, die kognitive Verhal tenstherapie mit interpersonalem Schwerpunkt, die kognitive Verhaltenstherapie mit systemischem Schwerpunkt. Dann gibt es neue Therapiemethoden, aus deren Namen psychothe rapeutische Kolleginnen und Kollegen, die sich weniger up to date fühlen, nicht so genau erschließen können, welcher The rapierichtung diese Verfahren zugeordnet werden sollen. Bei spiele dafür sind Schematherapie (Verhaltenstherapie oder Psychoanalyse?) oder Training emotionaler Kompetenz (Ver haltenstherapie oder Gesprächstherapie?) oder Mindfulness (Verhaltenstherapie oder Buddhismus?). Alle jene deutschsprachigen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, die in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts eine (damals oft noch rudimentär organi sierte curriculare) Verhaltenstherapieweiterbildung absolviert haben, haben schon einige «VerhaltenstherapieWenden» und damit mehr oder weniger stark ausgeprägte Verunsicherungen hinter sich. Von der lernpsychologischen zur kognitiven, wei ter zur ressourcenorientierten Verhaltenstherapie usw. Auch die Anwendungsgebiete der Verhaltenstherapie haben sich deutlich erweitert: von der Pädagogik und Psychotherapie (im engeren Sinn) hin zu betriebswirtschaftlichen Feldern, zur Arbeit mit Kindern oder zur Medizin, wie es das Beispiel der Verhaltensmedizin zeigt. Trotz aller Erweiterungen und Trendwenden halten sich viele Verhaltenstherapeuten aber doch noch für Verhaltenstherapeuten, wobei man Viktor Frankl (1997, p 11) durchaus zustimmen kann: «Jede Zeit hat ihre Neurose - und jede Zeit braucht ihre Psychotherapie.» Die enge Orientierung der ursprünglichen Verhaltensthera pie an lerntheoretischen Konzepten und die fehlende Berück sichtigung organismusbezogener Variablen sind historisch zu sehen und als Kontrapunkt zu psychoanalytischen Konzepten zu verstehen - eben ein Resultat jener Zeit. Es wäre erschre ckend, wenn Forschung, die materiell und immateriell kosten intensiv ist, keinen Erkenntnisfortschritt brächte und sich die Anwendungsfelder eines erfolgreichen theoretischen Grund konzeptes nicht erweiterten.
Accelerating Research
Robert Robinson Avenue,
Oxford Science Park, Oxford
OX4 4GP, United Kingdom
Address
John Eccles HouseRobert Robinson Avenue,
Oxford Science Park, Oxford
OX4 4GP, United Kingdom