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Die Macht der Erwartungen
Author(s) -
Winfried Rief
Publication year - 2007
Publication title -
verhaltenstherapie
Language(s) - German
Resource type - Journals
SCImago Journal Rank - 0.219
H-Index - 23
eISSN - 1423-0402
pISSN - 1016-6262
DOI - 10.1159/000113133
Subject(s) - psychology
Accessible online at: www.karger.com/ver Fax +49 761 4 52 07 14 E-mail Information@Karger.de www.karger.com Im klinischen Kontext sind die Effekte von Erwartungshaltungen am besten mit Placebo-Designs untersucht worden. Placebos können sowohl schmerzreduzierende als auch symptomprovozierende Effekte haben. So berichten z.B. Personen in klinischen Studien regelmäßig von Beschwerden, die sie als Nebenwirkungen der Medikamente interpretieren, obwohl diese Personen in der Placebo-Gruppe waren, also gar kein Medikament erhalten haben (Nocebo-Effekt) [z.B. Barsky et al., 2002; Rief et al., 2006]. Werden Schmerzreize tatsächlich appliziert, ergibt sich im Gehirn ein typisches Aktivierungsmuster der sogenannten «Schmerzmatrix» (z.B. somatosensorische Felder S1, S2, Inseln, Thalamus, zum Teil auch Amygdala, präfrontaler Cortex und Anteriores Cingulum). Wird ein solcher Schmerzreiz unter Placebo-Induktion appliziert, ist die entsprechende Aktivierung im Gehirn auch in den somatosensorischen Feldern deutlich geringer und das subjektive Schmerzempfinden niedriger [z.B. Price et al., 2006; Bingel et al., 2006]. Gerade neurophysiologisch erscheint hierbei die Studie von Bingel et al. besonders interessant. Personen bekamen auf beide Handrücken Handcremes appliziert, wobei in einem Fall erläutert wurde, dass es sich um eine schmerzlindernde Creme handele («Placebo-Instruktion») und im anderen Fall eine neutrale Erläuterung über den Zweck der Creme gegeben wurde. Anschließend wurde mit einem Laserstrahl ein Schmerzreiz auf den Handrücken appliziert. Unter der neutralen Bedingung fand sich in den meisten Hirnarealen eine größere Hirnaktivität als unter der Placebo-Instruktion. Interessanterweise ergab sich in einem Hirnbereich aber auch unter der PlaceboBedingung eine erhöhte Aktivität: Im rostralen Teil des anterioren cingulären Cortex scheint sich gerade beim Versuch der Bewältigung von Beschwerden durch positive Erwartungen mehr Aktivität abzuspielen [Lorenz et al., 2005]. Von den Autoren wird dies dahingehend interpretiert, dass dieses Hirnareal für die Kontrolle von Schmerzempfindungen zuständig Einem Sprichwort zufolge soll der Glaube Berge versetzen können. Diese Annahme hat auch in der Psychologie zur Entwicklung zahlreicher Theorien geführt, am prominentesten sicherlich die Theorie der «Self-fulfilling Prophecy». Gerade auch in der Verhaltenstherapie, wo wir uns besonders mit der Entwicklung von Methoden zur Selbstregulation beschäftigen [Forstmeier und Rüddel, 2005], sollten wir die Frage stellen, welche Erwartungen wann durch welche Verhaltensweisen von Therapeuten induziert werden und welche Effekte dies haben kann. Stimmt es wirklich, dass Erwartungen, zumindest bildlich, Berge versetzen können? Die neuere Forschung zur Rolle von Erwartungen im klinischen Kontext bestätigt zwar nicht, dass sich durch Erwartungen Berge bewegen, es lassen sich jedoch zahlreiche klinische Phänomene substantiell beeinflussen. Gerade auch die Möglichkeiten der funktionellen Bildgebung machen deutlich, dass Erwartungen nicht reine «Geistesphänomene» sind, sondern direkt Relevanz für Hirnaktivierungsprozesse haben. So konnten Lorenz et al. [2005] zeigen, dass Menschen, denen unterschiedlich intensive Schmerzreize zugefügt werden, ein komplexes Muster elektrophysiologischer und elektromagnetischer Reaktionen im Gehirn produzieren. Werden für unterschiedliche Schmerzreize kurz vorher unterschiedliche Warnreize dargeboten, kann der Effekt von Erwartungshaltungen genauer untersucht werden. So konnten die Autoren zeigen, dass die Hirnaktivität bei der Erwartung von Schmerzreizen (die dann aber ausblieben) fast identisch war mit der Hirnaktivität, wenn reale Schmerzreize appliziert wurden. Wurde ein starker Schmerzreiz erwartet, war die Hirnaktivität sogar größer, als wenn ein schwächerer Schmerzreiz real appliziert wurde. Dies macht deutlich, dass die Erwartung eines Schmerzerlebens (z.B. bei Patienten mit chronischen Schmerzen) dazu führt, dass das Hirn in einen Aktivierungszustand gebracht wird, der die Wahrnehmung von Schmerzen deutlich erleichtert bzw. sogar verstärkt. Die Macht der Erwartungen

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