Liebe und Hunger
Author(s) -
Ludger Lütkehaus,
Max Kade
Publication year - 2007
Publication title -
breast care
Language(s) - German
Resource type - Journals
SCImago Journal Rank - 0.767
H-Index - 30
eISSN - 1661-3805
pISSN - 1661-3791
DOI - 10.1159/000113072
Subject(s) - medicine
von einem «jungen Mann» folgen, «der ein großer Verehrer der Frauenschönheit wurde». «Als die Rede auf die schöne Amme kam, die ihn als Säugling genährt», äußerte er einmal: «es tue ihm leid, die gute Gelegenheit damals nicht besser ausgenützt zu haben». «Für das Kind», bestätigt Freud, «ist der Busen der Amme tatsächlich das Einkehrwirtshaus» – der Busen der Wirtin-Mutter nicht weniger. Die Lust wie Nahrung spendende Dreifaltigkeit von Mutter, Amme, Wirtin erfreut gleichermaßen die frühkindliche wie die jungmännliche Trinkerbiographie. Deswegen können sich später auch die Bilder der gestillten Triebbedürfnisse auf das schönste gleichen. «Wer ein Kind gesättigt von der Brust zurücksinken sieht, mit geröteten Wangen und seligem Lächeln in Schlaf verfallen», bekräftigt Freud in den «Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie», «der wird sich sagen müssen, dass dieses Bild auch für den Ausdruck der sexuellen Befriedigung im späteren Leben maßgebend bleibt». Schwer zu sagen zwar, bei wem Freud den «Ausdruck der sexuellen Befriedigung» – gerötete Wangen und selig-lächelndes Verfallen in Schlaf post satisfactionem – beobachtet hat; aber zweifellos handelt es sich um ein doppelt befriedigendes Bild. Um so mehr mag man das Bedauern des «jungen Mannes» teilen, seinerzeit «die gute Gelegenheit ... nicht besser ausgenützt zu haben». Immerhin hat er, der einst pars pro toto nach der vorherrschenden seiner Aktivitäten ein «Säugling» war, ohne dass man auf dieser frühen Stufe der Oralität schon zwischen der Stillung von Hunger und Durst unterscheiden müsste, die «gute Gelegenheit» damals wenigstens etwas ausgenützt. Und das ist auch gut so. Denn nach Freuds Studie «Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci» handelt es sich um nichts Geringeres als «unseren ersten Lebensgenuss», um eine Situation, «in welcher wir uns einst alle behaglich fühlten» – «wir alle», die weiblichen Säuglinginnen nicht anders als die männlichen Säuglinge. Von der Favorisierung der «jungen Männer» in Freuds Traumerzählung ist auf der Urszene des Säugens und Saugens noch keine Rede. Deswegen kann Freud generell formulieren: «Das erste erotische Objekt des Kindes ist die ernährende Mutterbrust, (...) bei beiden Geschlechtern». Gleichwohl ist nicht zu dementieren, dass primär der «junge Mann» Sigmund spricht – «a portrait of the analyst as a young man» –, wenn er in immer wieder neu angestimmten Lobgesängen, in wahren Hymnen der Oralität, das Rendezvous von Hunger und Liebe, den Reim von «Lust» auf «Brust» feiert. «Wenn der Säugling sich äußern könnte» – kann er das denn etwa nicht? – «würde er gewiss den Akt des Saugens an der Mutterbrust als das weitaus Wichtigste im Leben anerkennen. Er hat für sich nicht so unrecht, denn er befriedigt durch diesen Akt in einem beide großen Lebensbedürfnisse. (...) Zum Autor: Ludger Lütkehaus, geb. 1943. Prof. Dr. phil., Universität Freiburg, Deutsches Seminar. Gastprofessuren in Atlanta, Siegen, Madison. 1979 Sonderpreis der Schopenhauer-Gesellschaft, 1996 Preis für Buch und Kultur, 1997 Max Kade Distinguished Visiting Professor an der University of Wisconsin-Madison, 2007 Robert-Mächler-Preis. Mitglied des PEN-Zentrums. Ständiger Mitarbeiter der «Zeit», der NZZ, deutscher, österreichischer und schweizer Rundfunkund Fernsehanstalten, Juror der SachbuchBestenliste von NDR und SZ.
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