Ökonomie und Evidenz. Zur authentischen Evaluation komplementärmedizinischer Ansätze
Author(s) -
Reinhard Saller
Publication year - 2006
Publication title -
complementary medicine research
Language(s) - German
Resource type - Journals
SCImago Journal Rank - 0.238
H-Index - 38
eISSN - 2504-2106
pISSN - 2504-2092
DOI - 10.1159/000094718
Subject(s) - medicine , traditional medicine
Der stete Ruf nach Forschung in und uber Komplementarmedizin bezieht sich nicht auf die Teilnahme der Komplementarmedizin an Forschung im Rahmen der wissenschaftstheoretisch langst anerkannten Vielfalt nachvollziehbarer und praxisrelevanter Forschungsansatze. Er fordert schlicht die Unterordnung unter den schier geheiligten Goldstandard der momentan dominierenden Variante der evidenzbasierten Medizin. Was auch immer Worthulsen wie Goldstandard bedeuten mogen, man muss sich, um in der Medizinwelt zu bestehen, dem dominierenden Wissenschaftsmodell und Wissenschaftsmonopol stellen. Grosse Teile der Komplementarmedizin entziehen sich keineswegs dem Modell der evidenzbasierten Medizin. Schon der traditionelle Begriff einer disziplinierten «Erfahrungsmedizin» als ein Synonym von Komplementarmedizin weist auf eine lange Tradition des Bemuhens um nachvollziehbare Empirie hin. Das aktuelle Wissenschaftsmodell ist okonomiebasiert. Das macht es den wissenschaftlich aktiven Teilen der Komplementarmedizin nicht leicht. Vor allem die Quantitat, aber vielfach auch die machbare Qualitat therapiebezogener Evaluationen und evidenzbasierter Vorgehensweisen sind eine Funktion vorhandener okonomischer Ressourcen. Dies betrifft in erster Linie die patientenbezogene Primarforschung. Die finanzielle Ausstattung spielt aber auch bei der Sekundarund Tertiarverwertung vorhandener Daten und Studien eine wesentliche Rolle. Von den offentlichen Forschungsmitteln in Europa erhalt die Komplementarmedizin allenfalls wenige Promille im Vergleich zur Biomedizin. (Angesichts der Forschungsressourcen lassen sich gesichtete Teile der Komplementarmedizin sogar als ein erstaunlich forschungsaktiver Medizinbereich erkennen.) Die Verfugbarkeit grosser Finanzmittel generiert fast naturwuchsig einen grosseren (klinischen) Datenberg. Durch Datengebirge allein nimmt der inharente Erfahrungsgehalt und Wert einer Therapie nicht unbedingt zu, die Evidenz entsprechend dem herrschenden Modell aber kann gewaltig anschwellen. Bei undifferenzierter Betrachtung liegt hier die Gefahr eines erheblichen und moglicherweise drastisch unterschatzten Bias. Der allenthalben beschworene Publikationsbias der Komplementarmedizin konnte vergleichsweise ein Berglein, ein Maulwurfshugel, sein. Der okonomisch fundierte Datenbias konnte die therapeutische Praxis, aber auch die Inhalte von Gesundheit, Genesung, Heilung und Krankheiten und deren Entwicklungen direkt und indirekt transnationalen Schwergewichten ubergeben. Die Komplementarmedizin wird fast zwanghaft angegangen und gestutzt, wenn es um die Rettung maroder Finanzsituationen der Gesundheitssysteme der Grundversorgung geht. Aus okonomischer Sicht ist dies lacherlich. In Deutschland hat die Herausnahme nahezu aller Phytotherapeutika aus der Grundversicherung offensichtlich keinerlei bedeutsame Reduktion auch nur der unmittelbaren Arzneimittelkosten gebracht. In der Schweiz [1, 4] hat die Auswahl der in die Grundversicherung aufgenommenen und jetzt aus offensichtlich nichtwissenschaftlichen Grunden herauskatapultierten komplementarmedizinischen Richtungen ≤0,5% der Kosten verursacht. Was mogen nachvollziehbare Grunde fur das unermudliche «Bashing» der Komplementarmedizin sein ? Komplementarmedizin ist ein komplexer und vielschichtiger Teil der modernen Medizin [2, 3]. Sie bietet Behandlungsvielfalt, aber auch verschiedenartige Sichtweisen von Gesundheit, Gesunderhaltung, Krankheit und Genesung. Sie ist Betrachtungs-, Deutungs-, Handlungsund Methodenvielfalt. Die dynamische komplementarmedizinische Vielfalt ermoglicht es Patienten, durch gezielte Wahl von spezialisierten Arzten und Therapeuten eine eigenstandige Richtungsund Deutungsentscheidung zu treffen, z.B. nach subjektiv erlebter bzw. befurchteter Bedrohung oder personlicher Lebensphilosophie. Mit der personlich angemessenen Entscheidung erleben sich die Patienten als handelnde Subjekte und nicht nur als Behandelte. Angemessenheit entsprechend subjektiver Brauchbar-
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